Biografische Sammlung zur NS-Zwangsarbeit
Die Geschichtswerkstatt hat eine umfangreiche Sammlung mit Erinnerungen und Fotos zur Zwangsarbeit im nationalsozialistischen Berlin und Brandenburg aufgebaut.
Die Geschichtswerkstatt hat seit 1993 auf vielfältige Weise an die NS-Zwangsarbeit in Berlin und Brandenburg erinnert - mit Spurensuchen und Archivrecherchen, Bildungs- und Kunstprojekten, Ausstellungen und Begegnungen, Entschädigungs- und Gedenkinitiativen. Die beiden wichtigsten methodischen Zugänge waren Spurensuchen nach den ‚vergessenen Lagern’ in der Region (Schöneweide, Fehrbellin, Kleinmachnow etc.) und die Kontaktaufnahme mit Zeitzeugen unter den bislang ‚vergessenen Opfern’ des Nationalsozialismus.
Bei der Quellenrecherche in den Archiven fiel auf, dass die Akten zur NS-Zwangsarbeit sehr verstreut und schlecht erschlossen waren. Biografische und subjektive Quellen sowie Fotografien waren fast gar nicht vorhanden. Daher traten wir in Kontakt mit Betroffenenverbänden und Stiftungen und luden ehemalige Zwangsarbeiter*innen ein, uns ihre Geschichte zu erzählen.
Zwischen 1996 und 2000 entstand eine umfangreiche Sammlung persönlicher Erinnerungsberichte vor allem tschechischer, polnischer und ukrainischer, aber auch hollländischer und weißrussischer Zivilarbeiter*innen sowie von weiblichen polnischen KZ-Häftlingen.
Die so entstandene biografisch orientierte Spezialsammlung umfasst rund 90 Erinnerungsberichte aus Weißrussland und der Ukraine, über 100 aus Tschechien und über 200 aus Polen sowie über 1000 private Fotografien. Diese persönlichen Erinnerungen sind großenteils übersetzt und verzeichnet, in Auszügen auch publiziert worden.
Einige der Autor*innen wurden später noch intensiver persönlich befragt. Gisela Wenzel und Ewa Czerwiakowski machten zwischen 2004 und 2006 mehrere Audio- und Video-Interviews mit ehemaligen Zwangsarbeitern aus dem polnischen Łódź. Ewa Czerwiakowski und Angela Martin sammelten Erinnerungsberichte von Warschauerinnen, die für die Firma Bosch im KZ-Außenlager Kleinmachnow arbeiten mussten.
Ausschnitte aus den Erinnerungsberichten sind in der Zeitzeugen-App zur Zwangsarbeit in Berlin enthalten. Mehrere Publikationen der Geschichtswerkstatt und ihrer Mitarbeiter stützen sich wesentlich auf diese Sammlung, u.a.
- Berliner Geschichtswerkstatt (Hg.): "Totaleinsatz" – Zwangsarbeit in Berlin 1943-1945. Tschechische ZeitzeugInnen erinnern sich. Briefdokumentation der Projektgruppe "Vergessene Lager – vergessene Opfer. ZwangsarbeiterInnen in Berlin 1939–1945", Berlin 1998
- Berliner Geschichtswerkstatt (Hg.): Zwangsarbeit in Berlin 1940 - 1945. Erinnerungsberichte aus Polen, der Ukraine und Weißrußland, Erfurt 2000
Zeitzeugen-Archiv online
Einige Interviews mit ehemaligen Zwangsarbeitern aus der Sammlung der Berliner Geschichtswerkstatt sind online verfügbar.
Im Sommer 2011 hat die Berliner Geschichtswerkstatt ihre Spezialsammlung zur NS-Zwangsarbeit als Depositum an das Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit Berlin-Schöneweide der Stiftung Topographie des Terrors übergeben. Die mehrere Dutzend Kisten und über 6000 Datensätze umfassende Dauerleihgabe wurde 2021 dauerhaft dem Dokumentationszentrum übergeben, um dort professionell archiviert und zugänglich gemacht zu werden. Weitere Informationen dazu erhalten Sie direkt beim Dokumentationszentrum.
Die Sammlung der Berliner Geschichtswerkstatt bildet eine wesentliche Grundlage der 2013 in Schöneweide eröffneten Dauerausstellung „Alltag Zwangsarbeit 1938-1945“. Einige Interviews, Fotos und Briefe sind in dem nach Anmeldung zugänglichen Zeitzeugen-Archiv des Dokumentationszentrums NS-Zwangsarbeit online zugänglich. Auch die 2013 veröffentlichte und 2022 überarbeitete Zeitzeugen-App zur Zwangsarbeit in Berlin sowie zahlreiche weitere Forschungen und Projekte arbeiten mit diesem Material.
Weitere Interviews der Berliner Geschichtswerkstatt sind bereits seit 2009 im Online-Archiv "Zwangsarbeit 1939-1945" zugänglich.