Ludvík Kundera, Berlin

Belletristische Literatur zur NS-Zwangsarbeit

 

"Die Zeit rinnt hin, während ich Körnchen zu Körnchen trage."

Ludvík Kundera ist 19 und Philosophiestudent an der Prager Karlsuniversität, als
die Deutschen die Tschechoslowakei zu ihrem Protektorat erklären und brachial
in seine Biografie eingreifen. Als Zwangsarbeiter wird er in das Arbeitslager Spandau am Westrand Berlins verpflichtet. Hier erlebt er, dass es lebensgefährlich ist, Slawe zu sein, und dass Slawe vor allem Sklave bedeutet. Doch nach mehreren bereits durchlebten Toden rettet ihn eine nahezu tödliche Diphtherie. So gelingt dem Todkranken das Überleben. Kaum dem Lager entronnen, schreibt Kundera im Mai 1944 in Brünn in panischer Hast seine Erlebnisse nieder. Damals bereits Mitglied der surrealistischen Künstlergruppe RA, gelingt es dem mährischen Dichter, die Atmosphäre einer Zeit der absoluten Wirrnis in einer Novelle zu bannen.

"Ich seh dich vor mir, wie du in den Abend gingst. Die Erinnerungen sitzen fest: doch die Tropfsteinwälder sind versteint, die Labyrinthe kristallin, aber das Haar steckt noch voller Schießpulver. Allenthalben Lippensümpfe, aber nirgends eine Fußspur. So gingst du in den Abend. Da schalt ich voll auf Erinnerung. Greif zu Feuerstein und Kienspan, hervorgeholt aus einer Märchengrotte. Da entfachten sich plötzlich Monologe, entzündet sich raschelnd ein Lächeln, blüht auf eine entblätterte Magnolie. So stellt sich Wahrheit her. Aber die Himmel sind unstet, doch ich folg der ersten Serpentine der Ereignisse. Die Zeit rinnt hin, während ich Körnchen zu Körnchen trage.

"Berlin" ist zum ersten Mal in deutscher Sprache erschienen. In der Übertragung von Edwin Kratschmer wird diese leicht surrealistische Prosapoesie jetzt auch deutschen Lesern als wichtiges und historisches Zeitdokument zugänglich gemacht.

 

Kundera erhält 2002 auf der Leipziger Buchmesse den Anerkennungspreis zur Europäischen Verständigung

Ludvìk Kundera, Berlin. Gerettete Texte 2, VDG Weimar 2000

ISBN 3-89739-133-3 

Dazu folgender Artikel aus der Neuen Zürcher Zeitung:

Schauplatz Tschechien
Leben im «Totaleinsatz». Die unbewältigte Erfahrung einer Generation 

Wie in allen anderen von Hitler besetzten Ländern Europas wurden auch im Protektorat Böhmen und Mähren Arbeitskräfte für die deutsche Kriegsindustrie zwangsrekrutiert, insgesamt etwa 400 000 bis 500 000 Menschen. Besonders hart waren die Jahrgänge 1921 bis 1924 betroffen, die systematisch erfasst und vollständig der Arbeitspflicht unterzogen wurden. Viele Künstler haben vom «Totaleinsatz» Zeugnis abgelegt. 

Den deutschen Behörden ging es nicht nur darum, die Zufuhr von frischen Arbeitskräften für die deutsche Rüstungsindustrie zu sichern, sondern auch die jungen Tschechen durch den Einsatz «in möglichst weit entfernten Teilen des Reiches daran zu hindern, im Protektoratsgebiet eine Familie zu gründen». Denn der böhmische Raum war für die Deutschen vorgesehen. So wurde der «Totaleinsatz» zu einer kollektiven Erfahrung der Mehrheit der zu Beginn der zwanziger Jahre geborenen Tschechen, zu einem Teil der Standardbiographie dieser Generation.

Wie stark sie auch durch die im «Reich» verbrachten Jahre geprägt waren, erzählt haben die meisten von ihren Erlebnissen kaum, wie ihre Kinder und Enkelkinder fast
einstimmig berichten. Möglicherweise auch deswegen, weil ihre Erfahrungen vor Ort, bei aller Härte der Lebensbedingungen, des Herausgerissenseins aus der gewohnten Umgebung, der Degradierung zum blossen Arbeitsmaterial und der Bedrohung durch die täglichen Bombenangriffe, doch vieldeutiger und differenzierter waren und auch menschliche Begegnungen und sogar Mitleid mit der leidenden deutschen Zivilbevölkerung einschlossen, die nicht in das offizielle Schwarzweissschema passten. Dafür spricht auch, dass dieses wichtige Thema der modernen tschechischen Geschichte von der Historiographie weitgehend unbearbeitet beziehungsweise nur auf ein paar Teilstudien und eine einzige Monographie beschränkt blieb, nämlich das 1970 erschienene «Totální nasazení» (Totaleinsatz) des Brünner Historikers František Mainuš, selbst ein ehemaliger Zwangsarbeiter.

Wurde für die meisten Zwangsverpflichteten der Totaleinsatz zu einer grundlegenden Lebens- und Welterfahrung, die auch die spätere politische Orientierung weitgehend mitbestimmte - es ist kein Zufall, dass die meisten Reformkommunisten dieser Generation angehörten -, dann für einige wenige auch zum Thema ihres künstlerischen Schaffens. Das Arbeitslager Lohbrück wurde für den Maler Bohumír Matal (1922-1988) zu dem Ort, wo im Zusammenprall der trostlosen Realität und der surrealistischen Sichtweise seine eigene Bildsprache Gestalt annahm, wie seine den Briefen nach Hause beigefügten Zeichnungen zeigen. Der Surrealismus erwies sich für den ursprünglich eher zur realistischen Landschaftsmalerei neigenden Absolventen der kunstgewerblichen Schule in Brünn als ein adäquates Mittel, um das Irreale und Fragmentarische seiner Lebenssituation zu verarbeiten. Weil für Matal, im Einklang mit Macaulay, die Wahl der Ästhetik immer auch eine ethische Wahl war, gab es für ihn, wie sehr sich auch sein Stil von diesen Anfängen später entfernte, kein Zurück zum zu einer offiziellen Kunstdoktrin erkorenen Realismus. Er blieb sich treu und wählte lieber eine unsichere Existenz am Rande des Zugelassenen.

Surrealismus als Reaktion 

Heute zählt Bohumír Matal zu den wichtigsten Repräsentanten der tschechischen Nachkriegsmalerei. Ähnlich wie Bohumír Matal lernte auch der Dichter und Übersetzer Ludvík Kundera (1920) den Surrealismus am Ende der dreissiger Jahre im Umfeld der Künstlergruppe RA in Brünn kennen. Und auch für ihn wurde die surrealistische Sichtweise zum Schlüssel zur Verarbeitung seiner Erfahrung des Zwangsarbeiters in Berlin-Spandau. 1944 an Diphtherie erkrankt, schrieb er sich in ein paar Wochen fiebernd und träumend in dem Prosatext «Berlin» von seinen Erlebnissen frei. «Die Ereignisse zerdehnen sich. Georgs Tod, mein Tod, die Nacht nach dem Regen und vorm Regen, deine Hand zart in der meinen, darunter die Marschkolonnen. Wie du dich an mich schmiegst. Unsere Hände finden sich. Ich liebkose deine Fingernägel. Das Spiel beginnt. Alles unendlich zu Zeitlupe zerdehnt. An einem Sommermorgen sterbe ich, weit und breit ist sonst niemand.» Die Prosa wurde kaum bekannt, ihr Autor, nach wie vor vom Surrealismus beeinflusst, konnte sich in den Nachkriegsjahren vor allem als Übersetzer, insbesondere von Bertolt Brecht, profilieren. Das Theaterstück «Totální kuropní» (Totaler Hahnenschrei), 1962 aufgeführt, in dem er sich auf seine Kriegserfahrungen wieder bezog, blieb ohne stärkere Resonanz, weil dem Publikum seine Poetik inzwischen fremd war. Es ist ein Stück Wiedergutmachung vor Entschädigung, wenn jetzt Kunderas «Berlin» in einer freien Übersetzung von Edwin Kretschmer in der Reihe «Gerettete Texte» des Collegium europaeum jenense vorliegt.

Karel Ptáník (1921) hatte das Glück, dass seinem schriftstellerischen Naturell die realistische Erzählweise am besten entsprach. So konnte er mit seinem 1954 erschienenen Romandébut «Roník jednadvacet» («Jahrgang 21», dt. 1958), in dem er die Erlebnisse einer Gruppe junger Tschechen bei den halbmilitärisch organisierten Landesbautruppen in Saarbrücken, Essen, Kassel und Zeitz niederschrieb, auf Anhieb zu einem der führenden Autoren seiner Generation avancieren und sein Buch, ein Klassiker des tschechischen sozialistischen Realismus, zum Schlüsselroman über den Totaleinsatz in der tschechischen Literatur. Wenn auch der noch unerfahrene Autor seine Schilderung dem ideologischen Schema unter dem Druck des Verlages stark anpassen musste, insbesondere in dem recht schematischen Ende, so hat er sich allen Hindernissen zum Trotz in der ersten Hälfte des Buches als ein Vollbluterzähler vorgestellt, der sich auch nicht scheut, sich von der Schönheit des Rheins hinreissen zu lassen und das musikalische Motiv der urtschechischen Moldau mit dem urdeutschen Fluss in Verbindung zu bringen. Im Jahre 1954 ein Sakrileg. 

In dem «positiven Helden» seines Romans, dem reinen Menschen und glühenden Kommunisten Honzík, hat Ptáník einen weiteren vom «Totaleinsatz» betroffenen späteren Künstler porträtiert, den Komponisten Jan Novák (1921-1985). Jan Novák, Schüler Bohuslav Martins, hat seine kommunistische Phase allerdings schon 1948 hinter sich gebracht. Wegen der «modernistischen Tendenzen» in seinem Werk in den fünfziger Jahren scharf kritisiert, lebte er eher geduldet als gefördert bis zu seiner Emigration in die Bundesrepublik im Jahre 1968 in Brünn. In seinem Werk finden die Erfahrungen der Jahre im Reich eher ein diffuses Echo, am deutlichsten vielleicht in einem «Für Käthe» überschriebenen frühen Klavierstück und der Sonata phantasia. Aber auch Karel Ptáník haben die Schwierigkeiten, nur etwas später als seine anderen Kollegen, letztlich eingeholt: Als Reformkommunist nach 1968 mit Schreibverbot belegt, verdiente er zum Schluss seinen Lebensunterhalt als Angestellter einer Versicherung.

Einzigartiges Fotodokument 

Haben Matal, Kundera, Ptáník und Novák den «Totaleinsatz» als ein unvermeidliches Schicksal hingenommen, erfasste ihn der junge Fotoreporter Zdenk Tmej (1920) von Anfang an als eine Chance, unter extremen Bedingungen zu photographieren. Mit zwei Kameras im Rucksack gelangte er 1942 nach Breslau, wo er die nächsten drei Jahre als Hilfsarbeiter bei der Paketpost verbringen sollte. Nachdem er sich über Lichtverhältnisse im Ballsaal, der jetzt den jungen Tschechen als Arbeitslager diente, kundig gemacht hatte, liess er sich aus Prag die notwendige technische Ausrüstung nachschicken. Die Verwandlung des Auges in das Objektiv der Kamera war bei Tmej schon in Prag vollzogen. In den nächsten drei Jahren ist dann Zug um Zug das wohl einzigartigste Dokument über den Totaleinsatz entstanden, ein Zyklus von etwa zweihundert Bildern, die das karge, auf Befriedigung elementarer Bedürfnisse reduzierte Leben der Zwangsarbeiter mit einer distanzierten Nachdrücklichkeit für immer festhalten und dadurch den Menschen ihre Würde wieder zurückgeben. 

Zu Kunderas Prosa «Berlin» könnte man sich kaum bessere Illustrationen als Tmejs Bilder vorstellen. Eine Auswahl aus seinen Photographien mit expressiven Texten von Alexandra Urbanová veröffentlichte Tmej unter dem Titel «Abeceda duševního prázdna» (Alphabet der seelischen Leere) gleich nach dem Krieg in Prag. Vom Krieg wollte aber damals niemand mehr wissen. «Warten Sie zwanzig Jahre, dann werden sich die Museen darum reissen», sagte ihm damals der weltberühmte Photograph Robert Capa. Danach müsste die neue, komplette Ausgabe des Zyklus ein Erfolg werden. Auch Zdenk Tmej, ein kompromissloser und komplizierter Mensch mit Neigungen zum Extremen, hatte keinen leichten Lebensweg und zu der Realisierung seines grossen Talentes nicht viel Möglichkeiten. Ganze sieben Jahre, von 1958 bis 1965, musste er sogar im Gefängnis verbringen - diesmal ohne Fotoapparat. «1938 begann sich die Geschichte schnell zu drehen - ich mit ihr -, und ich habe mich praktisch bis heute nicht erholt», fasst der heute einundachtzigjährige Zdenk Tmej sein Leben zusammen. Eigentlich gilt es für seine ganze Generation.

Alena Wagnerová

Ludvík Kundera: Berlin. Gerettete Texte 2. Collegium europaeum jenense 2000. 44 S., DM 14.-.

Zdenek Tmej: Totaleinsatz. Edition Phonothek XXV. Berlin 1989. 31 S., 25 Abb., DM 6.80. Oder in tschechischer, deutscher u. englischer Sprache: Verlag Torst, Prag 2001. 147 S., 87 Abb.

Neue Zürcher Zeitung 21.7.01

 

Das Ludvík-Kundera-Institut


Das Institut hat sich zum Ziel gesetzt, den literarischen Austausch zwischen den Nachbarländern Deutschland und Tschechien zu fördern. Gegründet wurde es 1998 von Peter Kosta, Slawistik-Professor in Potsdam, Eckhard Thiele, Übersetzer aus dem Tschechischen in Berlin, und Hans Dieter Zimmermann, Professor für Literaturwissenschaft an der TU Berlin. Mit Unterstützung der Robert Bosch-Stiftung schreibt das Institut einen Übersetzerpreis aus, der 1999 erstmals vergeben wurde.

Seinen Sitz hat das Institut im Peter-Huchel-Haus in Wilhelmshorst bei Berlin. Ludvík Kundera war ein enger Freund des deutschen Lyrikers Peter Huchel, der von 1949 bis zu seinem erzwungenen Rücktritt 1962 Chefredakteur der Zeitschrift "Sinn und Form" war. Bis 1971, als die DDR-Behörden Peter Huchel die Ausreise erlaubten, war sein Haus ein beliebter Treffpunkt von Schriftstellern, Künstlern und Intellektuellen, die in Opposition zur Parteiführung standen. Günter Kunert, Reiner Kunze, Wolf Biermann und eben auch Ludvík Kundera gehörten dazu. Auch Heinrich Böll und Max Frisch zählten zu den Besuchern dieses "Orts des stillen Widerstandes".

Infos zu Jan Novák unter http://www.klassphil.uni-muenchen.de/~stroh/jan_novak.htm
und
http://www.musica.cz/novakj/

 

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