ISBN 3-89739-133-3
Dazu folgender Artikel aus der Neuen Zürcher Zeitung:
Schauplatz Tschechien
Leben im «Totaleinsatz». Die unbewältigte Erfahrung einer Generation
Wie in allen anderen von Hitler besetzten Ländern Europas wurden auch im Protektorat Böhmen und Mähren Arbeitskräfte für die deutsche Kriegsindustrie
zwangsrekrutiert, insgesamt etwa 400 000 bis 500 000 Menschen. Besonders hart waren die Jahrgänge 1921 bis 1924 betroffen, die systematisch erfasst und vollständig
der Arbeitspflicht unterzogen wurden. Viele Künstler haben vom «Totaleinsatz» Zeugnis abgelegt.
Den deutschen Behörden ging es nicht nur darum, die Zufuhr von frischen Arbeitskräften für die deutsche Rüstungsindustrie zu sichern, sondern auch die jungen
Tschechen durch den Einsatz «in möglichst weit entfernten Teilen des Reiches daran zu hindern, im Protektoratsgebiet eine Familie zu gründen». Denn der böhmische
Raum war für die Deutschen vorgesehen. So wurde der «Totaleinsatz» zu einer kollektiven Erfahrung der Mehrheit der zu Beginn der zwanziger Jahre geborenen
Tschechen, zu einem Teil der Standardbiographie dieser Generation.
Wie stark sie auch durch die im «Reich» verbrachten Jahre geprägt waren, erzählt haben die meisten von ihren Erlebnissen kaum, wie ihre Kinder und Enkelkinder fast
einstimmig berichten. Möglicherweise auch deswegen, weil ihre Erfahrungen vor Ort, bei aller Härte der Lebensbedingungen, des Herausgerissenseins aus der gewohnten
Umgebung, der Degradierung zum blossen Arbeitsmaterial und der Bedrohung durch die täglichen Bombenangriffe, doch vieldeutiger und differenzierter waren und auch
menschliche Begegnungen und sogar Mitleid mit der leidenden deutschen Zivilbevölkerung einschlossen, die nicht in das offizielle Schwarzweissschema passten. Dafür
spricht auch, dass dieses wichtige Thema der modernen tschechischen Geschichte von der Historiographie weitgehend unbearbeitet beziehungsweise nur auf ein paar
Teilstudien und eine einzige Monographie beschränkt blieb, nämlich das 1970 erschienene «Totální nasazení» (Totaleinsatz) des Brünner Historikers František Mainuš,
selbst ein ehemaliger Zwangsarbeiter.
Wurde für die meisten Zwangsverpflichteten der Totaleinsatz zu einer grundlegenden Lebens- und Welterfahrung, die auch die spätere politische Orientierung weitgehend
mitbestimmte - es ist kein Zufall, dass die meisten Reformkommunisten dieser Generation angehörten -, dann für einige wenige auch zum Thema ihres künstlerischen
Schaffens. Das Arbeitslager Lohbrück wurde für den Maler Bohumír Matal (1922-1988) zu dem Ort, wo im Zusammenprall der trostlosen Realität und der
surrealistischen Sichtweise seine eigene Bildsprache Gestalt annahm, wie seine den Briefen nach Hause beigefügten Zeichnungen zeigen. Der Surrealismus erwies sich für den
ursprünglich eher zur realistischen Landschaftsmalerei neigenden Absolventen der kunstgewerblichen Schule in Brünn als ein adäquates Mittel, um das Irreale und
Fragmentarische seiner Lebenssituation zu verarbeiten. Weil für Matal, im Einklang mit Macaulay, die Wahl der Ästhetik immer auch eine ethische Wahl war, gab es für
ihn, wie sehr sich auch sein Stil von diesen Anfängen später entfernte, kein Zurück zum zu einer offiziellen Kunstdoktrin erkorenen Realismus. Er blieb sich treu und
wählte lieber eine unsichere Existenz am Rande des Zugelassenen.
Surrealismus als Reaktion
Heute zählt Bohumír Matal zu den wichtigsten Repräsentanten der tschechischen Nachkriegsmalerei. Ähnlich wie Bohumír Matal lernte auch der Dichter und Übersetzer
Ludvík Kundera (1920) den Surrealismus am Ende der dreissiger Jahre im Umfeld der Künstlergruppe RA in Brünn kennen. Und auch für ihn wurde die surrealistische
Sichtweise zum Schlüssel zur Verarbeitung seiner Erfahrung des Zwangsarbeiters in Berlin-Spandau. 1944 an Diphtherie erkrankt, schrieb er sich in ein paar Wochen
fiebernd und träumend in dem Prosatext «Berlin» von seinen Erlebnissen frei. «Die Ereignisse zerdehnen sich. Georgs Tod, mein Tod, die Nacht nach dem Regen und
vorm Regen, deine Hand zart in der meinen, darunter die Marschkolonnen. Wie du dich an mich schmiegst. Unsere Hände finden sich. Ich liebkose deine Fingernägel. Das
Spiel beginnt. Alles unendlich zu Zeitlupe zerdehnt. An einem Sommermorgen sterbe ich, weit und breit ist sonst niemand.» Die Prosa wurde kaum bekannt, ihr Autor,
nach wie vor vom Surrealismus beeinflusst, konnte sich in den Nachkriegsjahren vor allem als Übersetzer, insbesondere von Bertolt Brecht, profilieren. Das Theaterstück
«Totální kuropní» (Totaler Hahnenschrei), 1962 aufgeführt, in dem er sich auf seine Kriegserfahrungen wieder bezog, blieb ohne stärkere Resonanz, weil dem Publikum
seine Poetik inzwischen fremd war. Es ist ein Stück Wiedergutmachung vor Entschädigung, wenn jetzt Kunderas «Berlin» in einer freien Übersetzung von Edwin
Kretschmer in der Reihe «Gerettete Texte» des Collegium europaeum jenense vorliegt.
Karel Ptáník (1921) hatte das Glück, dass seinem schriftstellerischen Naturell die realistische Erzählweise am besten entsprach. So konnte er mit seinem 1954
erschienenen Romandébut «Roník jednadvacet» («Jahrgang 21», dt. 1958), in dem er die Erlebnisse einer Gruppe junger Tschechen bei den halbmilitärisch organisierten
Landesbautruppen in Saarbrücken, Essen, Kassel und Zeitz niederschrieb, auf Anhieb zu einem der führenden Autoren seiner Generation avancieren und sein Buch, ein
Klassiker des tschechischen sozialistischen Realismus, zum Schlüsselroman über den Totaleinsatz in der tschechischen Literatur. Wenn auch der noch unerfahrene
Autor seine Schilderung dem ideologischen Schema unter dem Druck des Verlages stark anpassen musste, insbesondere in dem recht schematischen Ende, so hat er
sich allen Hindernissen zum Trotz in der ersten Hälfte des Buches als ein Vollbluterzähler vorgestellt, der sich auch nicht scheut, sich von der Schönheit des Rheins
hinreissen zu lassen und das musikalische Motiv der urtschechischen Moldau mit dem urdeutschen Fluss in Verbindung zu bringen. Im Jahre 1954 ein Sakrileg.
In dem «positiven Helden» seines Romans, dem reinen Menschen und glühenden Kommunisten Honzík, hat Ptáník einen weiteren vom «Totaleinsatz» betroffenen
späteren Künstler porträtiert, den Komponisten Jan Novák (1921-1985). Jan Novák, Schüler Bohuslav Martins, hat seine kommunistische Phase allerdings schon 1948
hinter sich gebracht. Wegen der «modernistischen Tendenzen» in seinem Werk in den fünfziger Jahren scharf kritisiert, lebte er eher geduldet als gefördert bis zu seiner
Emigration in die Bundesrepublik im Jahre 1968 in Brünn. In seinem Werk finden die Erfahrungen der Jahre im Reich eher ein diffuses Echo, am deutlichsten vielleicht in
einem «Für Käthe» überschriebenen frühen Klavierstück und der Sonata phantasia. Aber auch Karel Ptáník haben die Schwierigkeiten, nur etwas später als seine anderen
Kollegen, letztlich eingeholt: Als Reformkommunist nach 1968 mit Schreibverbot belegt, verdiente er zum Schluss seinen Lebensunterhalt als Angestellter einer
Versicherung.
Einzigartiges Fotodokument
Haben Matal, Kundera, Ptáník und Novák den «Totaleinsatz» als ein unvermeidliches Schicksal hingenommen, erfasste ihn der junge Fotoreporter Zdenk Tmej (1920) von
Anfang an als eine Chance, unter extremen Bedingungen zu photographieren. Mit zwei Kameras im Rucksack gelangte er 1942 nach Breslau, wo er die nächsten drei
Jahre als Hilfsarbeiter bei der Paketpost verbringen sollte. Nachdem er sich über Lichtverhältnisse im Ballsaal, der jetzt den jungen Tschechen als Arbeitslager diente,
kundig gemacht hatte, liess er sich aus Prag die notwendige technische Ausrüstung nachschicken. Die Verwandlung des Auges in das Objektiv der Kamera war bei Tmej
schon in Prag vollzogen. In den nächsten drei Jahren ist dann Zug um Zug das wohl einzigartigste Dokument über den Totaleinsatz entstanden, ein Zyklus von etwa
zweihundert Bildern, die das karge, auf Befriedigung elementarer Bedürfnisse reduzierte Leben der Zwangsarbeiter mit einer distanzierten Nachdrücklichkeit für immer
festhalten und dadurch den Menschen ihre Würde wieder zurückgeben.
Zu Kunderas Prosa «Berlin» könnte man sich kaum bessere Illustrationen als Tmejs Bilder vorstellen. Eine Auswahl aus seinen Photographien mit expressiven Texten von
Alexandra Urbanová veröffentlichte Tmej unter dem Titel «Abeceda duševního prázdna» (Alphabet der seelischen Leere) gleich nach dem Krieg in Prag. Vom Krieg wollte
aber damals niemand mehr wissen. «Warten Sie zwanzig Jahre, dann werden sich die Museen darum reissen», sagte ihm damals der weltberühmte Photograph Robert
Capa. Danach müsste die neue, komplette Ausgabe des Zyklus ein Erfolg werden. Auch Zdenk Tmej, ein kompromissloser und komplizierter Mensch mit Neigungen zum
Extremen, hatte keinen leichten Lebensweg und zu der Realisierung seines grossen Talentes nicht viel Möglichkeiten. Ganze sieben Jahre, von 1958 bis 1965, musste er
sogar im Gefängnis verbringen - diesmal ohne Fotoapparat. «1938 begann sich die Geschichte schnell zu drehen - ich mit ihr -, und ich habe mich praktisch bis heute
nicht erholt», fasst der heute einundachtzigjährige Zdenk Tmej sein Leben zusammen. Eigentlich gilt es für seine ganze Generation.
Alena Wagnerová
Ludvík Kundera: Berlin. Gerettete Texte 2. Collegium europaeum jenense 2000. 44 S., DM 14.-.
Zdenek Tmej: Totaleinsatz. Edition Phonothek XXV. Berlin 1989. 31 S., 25 Abb., DM 6.80. Oder in tschechischer, deutscher u. englischer Sprache: Verlag Torst, Prag
2001. 147 S., 87 Abb.
Neue Zürcher Zeitung 21.7.01
Das Ludvík-Kundera-Institut
Das Institut hat sich zum Ziel gesetzt, den literarischen Austausch zwischen den Nachbarländern Deutschland und Tschechien zu fördern. Gegründet wurde es 1998 von Peter Kosta, Slawistik-Professor in Potsdam, Eckhard Thiele, Übersetzer aus
dem Tschechischen in Berlin, und Hans Dieter Zimmermann, Professor für Literaturwissenschaft an der TU Berlin. Mit Unterstützung der Robert Bosch-Stiftung schreibt das Institut einen Übersetzerpreis aus, der 1999 erstmals
vergeben wurde.
Seinen Sitz hat das Institut im Peter-Huchel-Haus in Wilhelmshorst bei Berlin. Ludvík
Kundera war ein enger Freund des deutschen Lyrikers Peter Huchel, der von 1949 bis zu seinem erzwungenen Rücktritt 1962 Chefredakteur der Zeitschrift "Sinn und Form" war. Bis 1971, als die DDR-Behörden Peter Huchel die Ausreise erlaubten, war sein Haus ein beliebter Treffpunkt von Schriftstellern, Künstlern und Intellektuellen, die in Opposition zur Parteiführung standen. Günter Kunert, Reiner Kunze, Wolf Biermann und eben auch Ludvík Kundera gehörten dazu. Auch Heinrich Böll und Max Frisch zählten zu den Besuchern dieses "Orts des stillen Widerstandes".
Infos zu Jan Novák unter http://www.klassphil.uni-muenchen.de/~stroh/jan_novak.htm
und
http://www.musica.cz/novakj/
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