DIE ZEIT


33/2004 

Die Ausstellung verschieben! Ein offener Brief

Im Streit um die Friedrich Christian Flick Collection plädiert Dagmar Ottmann, die Schwester des Sammlers, für ein Moratorium – bis die Geschichte des Flick-Konzerns aufgearbeitet ist

Sehr geehrter Herr Dr. Korn, sehr geehrter Herr Fürst,

in Ihren öffentlichen Äußerungen, zuletzt im offenen Brief an den Generaldirektor der Stiftung Preußischer Kulturbesitz vom 10.07.2004, kritisieren Sie die bisher als »Flick Collection« bezeichnete Ausstellung in Berlin und die Verweigerungshaltung »der« Familie Flick. Bitte verstehen Sie, dass ich als Schwester des Sammlers Friedrich Christian Flick zu den Aussagen Ihres Briefes nicht schweigen kann, mit denen Sie verallgemeinernd über »die Enkel« der Familie Flick – und damit auch über mich – urteilen.

Ich teile Ihre Auffassung, dass es ohne eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, die auch die Bereitschaft zu materiellen Konsequenzen umfasst, nicht möglich ist, einer »dunklen Seite eine hellere hinzuzufügen«, falls man überhaupt ein derart problematisches Ziel befürworten will. Und ich weiß, dass gerade meine Familie, angefangen bei meinem Großvater Friedrich Flick, in dieser Hinsicht jahrzehntelang versagt hat. Aber gerade dieses Wissen hat mich schon vor Jahren – nicht erst im Zusammenhang mit dem aktuellen Streit um die öffentliche Präsentation der Kunstsammlung meines Bruders – veranlasst, einen anderen, eigenen Weg zu gehen, und zwar jenseits aller Öffentlichkeit.

»Ich kann das Ausstellungsprojekt in der jetzigen Form nicht gutheißen«

Nun aber muss ich erkennen, dass mein Weg fernab der Medien dazu führt, dass weiterhin pauschal davon gesprochen wird, die »Vertuschung« seitens der Familie Flick reiche »bis ins dritte Glied«. Eine solche Formulierung, gerade aus dem Munde eines Vertreters der jüdischen Gemeinde in Deutschland, bedrückt mich sehr, zumal Sie einen Zusammenhang zwischen der Verweigerung und »den Geschwistern« Flick herstellen, welche – zumindest durch Unterlassungen – die »NS-Vorteile perpetuiert« hätten.

Offenbar sind auch Sie durch die jahrelange missverständliche Bezeichnung »Flick Collection«, dazu noch in Verbindung mit einer »Familiensammlung«, dem Irrtum erlegen, eine Art »Familienkollektiv« stehe hinter der geplanten Ausstellung und auch hinter deren Zielen. Dies ist jedoch ganz und gar nicht der Fall. Dieser falsche Eindruck hat sich leider so verfestigt, dass die kürzliche kosmetische Änderung durch Hinzufügung des Vornamens meines Bruders keine öffentliche Meinungsänderung herbeiführen kann, wie das Presseecho zeigt. Ich komme daher nicht umhin, Ihnen mitzuteilen, dass ich mit dem Ausstellungsprojekt – ebenso wie auch andere Mitglieder der Familie Flick – nichts zu tun habe und es in der jetzigen Form nicht gutheiße.

Es wäre mir eine große Erleichterung, wenn Sie einen Ansatzpunkt für eine differenzierte Betrachtung »der« Familie Flick darin erkennen könnten, dass ich Anfang 2001 aus meinem Privatvermögen einen namhaften Millionenbetrag an den Zwangsarbeiter-Stiftungsfonds geleistet habe. Um meinen Bruder angesichts seiner damals in Zürich heftig umstrittenen Zahlungsverweigerung nicht öffentlich bloßzustellen, geschah dies in anonymisierter Form, aber natürlich mit seiner Kenntnis. In gleicher Weise habe ich damals schon gegenüber meiner Familie angekündigt, eine unabhängige wissenschaftliche Untersuchung der Geschichte der Friedrich Flick KG im 20. Jahrhundert zu ermöglichen. Gegenstand dieser Untersuchung soll nicht nur das Verhalten von Friedrich Flick vor und während der NS-Periode sein, sondern auch in der Nachkriegszeit, die sich aus heutiger Sicht – auch – als Geschichte der Verdrängung und, wie Sie es bezeichnen, der »Entschädigungsblockade« darstellt. Mittlerweile ist ein entsprechendes historisches Forschungsprojekt am Lehrstuhl von Professor Frei (Bochum) im Gange. Vielleicht können die Historiker auch die Frage beleuchten, ob Friedrich Flick das aus der NS-Zeit gerettete Vermögen in besonderem Maße durch eine Kontinuität von »alten« Mentalitäten, Verhaltensweisen, Netzwerken und Seilschaften gemehrt und eine Perpetuierung der in der NS-Zeit gezogenen Vorteile bewirkt hat.

Vor diesem Hintergrund hätte ich – wie Sie – ein Moratorium der Ausstellung begrüßt. Wenn überhaupt, kann man wohl eine Ausstellung unter dem Signum »Flick« erst nach Vorlage der historischen Forschungsergebnisse unbefangen durchführen, auch um die Kunst von jeglicher Indienstnahme zu entlasten. Diese Chance ist inzwischen vertan.

Der Zickzackkurs der Preußen-Stiftung belegt die Unsicherheit im Umgang mit der Flick-Geschichte. Nachdem die Stiftung bisher stets den historischen Hintergrund ausblenden und allenfalls anhand der Kunst als »Mahnmal« aufarbeiten wollte, kommt sie in letzter Minute nun doch zu der Erkenntnis, einen Auftrag zur Erforschung der Familiengeschichte erteilen zu müssen – und zwar selbst, nicht etwa durch den Sammler. Zusätzlich hat das Museum nun überraschend bekannt gegeben, dass die Diskussion um die Geschichte der Familie Flick als solche »mehr und mehr Teil dieses großen Projekts« (i. e. der siebenjährigen Ausstellung) sein soll. Wie kann man ernsthaft ohne Vorliegen objektiver, wissenschaftlich fundierter Informationen überhaupt ein derartiges – ohnehin schon fragwürdiges – Unterfangen angehen, im Rahmen einer Kunstausstellung jahrelang über eine Familiengeschichte zu diskutieren? Im Übrigen spricht es für sich, dass ein staatliches Museum zur Rettung seines Ausstellungsprojekts die Initiative ergreifen muss, um einer Familie von außen vorzugeben, wie sie mit einem so heiklen und persönlichen Kapitel wie der Auseinandersetzung mit ihrer eigenen NS-Geschichte umzugehen habe.

Gleichermaßen belastet es mich, in Argumentationen einbezogen zu werden, mit denen öffentliche Kunstverwalter, aber auch Journalisten, das Ausstellungsprojekt rechtfertigen wollen und es in bedenklicher Weise als Kompensation oder gar Wiedergutmachung für begangenes Unrecht hochstilisieren. Gerade angesichts der öffentlich bekannten – und auch mir persönlich durchaus geläufigen – Verdrängung der NS-Vergangenheit durch einige Mitglieder der Familie Flick wirken diese Legitimationen deplatziert. Im Versuch, nicht vereinbare Intentionen – einerseits Kunstausstellung, andererseits Vergangenheitsbewältigung – dennoch vereinbar erscheinen zu lassen, wird auf beinahe unheimliche Weise den Kunstwerken und der Ausstellung ein kompensatorischer Sinn zugesprochen.

So bezeichnete schon 2001 der damalige Münchner Museumsdirektor Vitali die Zurschaustellung der Sammlung meines Bruders als »eine sinnvolle Entscheidung, um die Art zu tilgen, wie das Vermögen zustande gekommen ist«. In Berlin wurde dieser Gedanke wieder aufgenommen, etwa mit der Feststellung, dass Mick Flick »genau die Kunst sammelt, zu deren geplanter Vernichtung sein Großvater finanziell beigetragen hat«, was übrigens noch nicht einmal in der Sache zutrifft. Sein Vorhaben wird als »neuer Umgang mit Erbe und Verantwortung« gefeiert. In Anspielung auf die Flick-Rüstungsgeschäfte in der NS-Zeit wird dem Sammler bescheinigt, er würde durch sein Engagement das Unrecht wiedergutmachen, indem er »Schwerter zu Konzeptkunst« forme. Ähnliche Untertöne schwingen mit, wenn wiederholt auf die »Querständigkeit« und »Sperrigkeit« der Kunstwerke als Beweis für eine geläuterte Gesinnung hingewiesen wird. Von höchster ministerieller Stelle verlautet gar, die Flick-Sammlung »schließe in Berlin die Wunde, die die Nazizeit geschlagen« habe. Es verwundert nicht, dass sich im Gefolge dieser Überinterpretationen weitere verunglückte Metaphern, Versprecher und Entgleisungen eingestellt haben, die Sie und die Presse zu Recht gerügt haben.

Genau in diesem Versuch der Umwidmung liegt für mich das eigentlich Anstößige, von welchem man sich nicht energisch genug distanzieren kann. Eine solche Umwertung geht nämlich über den bisherigen Vorwurf hinaus, in Berlin werde die Kunst zur Spiegelung eines Sammlers und zur Aufwertung seines Familiennamens instrumentalisiert, ja »missbraucht«. Anstatt der Geschichte ins Auge zu sehen, wird mit solchen Äußerungen der Blick »ersatzweise« auf die Kunst gerichtet. Damit wird von der eigentlichen Auseinandersetzung mit dem Unrecht und dem Bemühen um Ausgleich und Genugtuung abgelenkt. Wer die Vergangenheit nicht wirklich wahrnehmen – und das heißt unter anderem auch dokumentieren – will, verhindert ihr Erkennen und verlängert paradoxerweise ihren Schatten. Diese dialektische Wirkung war von vornherein absehbar. Im ohnmächtigen Versuch, die Vergangenheit mit Kunst zu überstrahlen, tritt sie nun umso dunkler hervor und macht schon deshalb einen Neuanfang unmöglich. Indem der Sammler den Familiennamen leuchten lassen und damit auch jene Stimmen der Opfer, die dem widersprechen, zum Schweigen bringen will, trägt er weder zu deren Anerkennung und Gedenken noch gar zu einem Neubeginn auch der eigenen Familiengeschichte bei.

Die Sammlung meines Bruders ist – wie berichtet wird – glänzend genug, dass sie nicht die Voranstellung des symbolbelasteten Familiennamens benötigt hätte, um zu strahlen. In diesem Zusammenhang betrübt es mich besonders, dass noch nicht einmal den Museumsverantwortlichen ein Wort des Verständnisses für die Empfindungen der – noch lebenden – Flick-Opfer über die Lippen kommt. Es ist beschämend, mitansehen zu müssen, dass Zwangsarbeiter und deren Angehörige ihre Verletzung öffentlich bekunden müssen. Zahlreiche mahnende Briefe aus dem Ausland, auch aus Israel, sollen überhaupt nicht inhaltlich beantwortet worden sein.

»Den noch lebenden Opfern wird Stimme und Gehör verweigert«

Aufgrund meiner Beschäftigung mit der Literatur der Romantik kenne ich die Macht der Symbole und der Erinnerung. Ich kann daher die besondere Sensibilität dieser Opfer und ihrer Angehörigen gut nachvollziehen, wenn sie durch die Herausstellung des Namens Flick schmerzhaft an ihr Leid erinnert werden. In Anknüpfung an Gedanken, die anlässlich des Auschwitz-Prozesses geäußert wurden, wonach es vornehmste Aufgabe der Überlebenden sei, den toten Opfern eine Stimme zu geben, halte ich es für ebenso bedeutsam, der Stimme der noch lebenden Opfer mindestens Gehör zu verleihen. Niemand hat das Recht, ihnen vorzuschreiben, wie sie ihres Leidens gedenken sollen und welche Erinnerungen sie haben dürfen, wenn ihnen in Berlin eine »Flick«-Sammlung als »Mahnmal« präsentiert wird. Ich bin mir sicher: Auch dadurch, dass die Akteure den Stimmen der Opfer das Gehör verweigern und für sieben lange Jahre auf der Verwendung des belasteten Familiennamens bestehen, verlängern sie ebenjene Geschichte der Familie, die der Sammler doch unterbrechen möchte.

Für mich ist es kaum begreiflich, dass ausgerechnet der Name Flick jetzt Anlass bieten soll, offizielle Repräsentanten deutscher Juden zu spalten. Dies hätte ich mir niemals vorgestellt, ebenso wenig den Gedanken, dass demnächst – wie von Ihnen angedeutet – Flick-Opfer als Menschenketten und Mahnwachen vor dem Museum gegen die Herausstellung des Namens Flick demonstrieren und damit in ihren Protest auch andere Mitglieder dieser Familie einbeziehen. Niemand kann sich wünschen, dass es zu einem solchen, hoffentlich vermeidbaren, Eklat kommt. Es wäre der Ausdruck eines verzweifelten Versuches, den Opfern doch noch Stimme und Gehör zu verschaffen. Auf jeden Fall darf ich Ihnen, die als Mahnende in dieser Sache auftreten, versichern, dass das dahinter stehende grundsätzliche Anliegen nicht nur von den Leidtragenden der NS-Zeit, den Beraubten und Ausgeplünderten, die heute lediglich um eine moralische Genugtuung bitten, unterstützt wird, sondern auch aus dem Kreis der Familie Flick selbst.

Mit freundlichen Grüßen

Dagmar Ottmann