DIE ZEIT


16/2004 

Kunst mit Nebenabsicht

Vom Herbst an wollte Berlin mit der Flick Collection glänzen. Doch der Widerstand wächst – der fiskalische und der moralische

Von Hanno Rauterberg

Alles begann mit der Begegnung zweier Lebemänner. Rein zufällig hatten sie sich auf einer Party getroffen, der Sammler und der Bürgermeister, und auf Anhieb ihre Sympathie füreinander entdeckt. Noch am selben Abend wurde der spektakulärste Kunsttransfer auf den Weg gebracht, den Berlin je gesehen hat. Friedrich Christian Flick versprach, der Stadt seine 2500 Bilder und Installationen anzuvertrauen, leihweise für sieben Jahre. Und Klaus Wowereit sagte zu, der Sammlung einen stolzen Empfang zu bereiten. Niemand kannte die Kunstwerke, auch der Bürgermeister nicht. Doch der Name Flick verhieß Großes und Teures, und so schwärmte am Ende selbst Klaus-Dieter Lehmann, der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, „dass die Sammlung wunderbar nach Berlin passt und wir keinen Pfennig bezahlen müssen.“ Das war 2002.

Zwei Jahre später schwärmen nur noch wenige, statt dessen mehren sich die kritischen Fragen. Aus dem vermeintlichen Glücksgriff ist ein „brisantes Danaergeschenk“ (art) geworden, das den ohnehin gebeutelten Berliner Museen nun Kosten in Millionenhöhe aufbürdet. Im Haushaltsplan ist laut Lehmann vorgesehen, dass die geplanten sieben Wechselpräsentationen der Flick Collection jeweils 400000 Euro kosten. Bereits die Auftaktschau wird aber mindestens 1,44 Millionen Euro verschlingen, wie der zuständige Kurator Eugen Blume bestätigt. Dem Bundestagsabgeordneten Norbert Geis (CSU) liegen Kalkulationen vor, nach denen für die sieben Jahre Laufzeit sogar mit einer Gesamtsumme von über sechs Millionen Euro zu rechnen sei. „Der Transport der vielen Werke von Zürich nach Berlin ist horrend teuer“, sagt er. „Hinzu kommen Lagerung, Sicherheitsleute, Miete für die Halle.“ In mehreren Anfragen an die Kulturstaatsministerin Christina Weiss hat Geis die genauen Kosten zu klären versucht, bislang vergeblich. „Die Zahlen, die Frau Weiss nennt, stimmen nicht mit meinen überein.“ Fest steht nur, dass alles viel teurer kommt als ursprünglich gedacht. Erst kürzlich wurde bekannt, dass nun auch noch eine Brücke gebaut werden soll, um das Museum Hamburger Bahnhof mit der Flick-Halle zu verbinden. Kostenpunkt: 900000 Euro.

Bezahlt werden muss all dies aus dem laufenden Etat – die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, getragen vom Bund und von den Länder, bekommt für das neue Museum keine Zusatzgelder. Weiss empfiehlt in ihrer Antwort an Geis denn auch eine „Umschichtung von Prioritäten“ und die „Umverteilung vorhandener Personalkapazitäten“. Und Stiftungspräsident Lehmann räumt ein, dass man die Präsentation der Flick-Sammlung aus dem Budget für Sonderschauen finanzieren müsse und es deshalb künftig schwieriger werde, andere Ausstellungen zu bezahlen. Die Brücke lasse sich aus dem Etat für Bauunterhaltung bestreiten, andere Museen müssten mit der Renovierung halt ein wenig warten. Etwa die in Dahlem, wo es schon jetzt kaum noch genug Geld gibt, um die Vitrinen zu entstauben.

Ist es richtig, der Flick Collection so große Bedeutung beizumessen, obwohl sie nach sieben Jahren die Stadt wieder verlassen soll? „Mäzenatentum, das den Namen verdient, bedarf immer der Schenkung“, sagt Christoph Stölzl, der Vizepräsident des Berliner Abgeordnetenhauses. „Unsere Museen sind ein zu kostbarer Platz, als dass sie Herberge sein dürfen für Saisongäste.“ Flick indes machte in mehreren Interviews unmissverständlich klar, dass für ihn eine Schenkung nicht infrage komme: „Zu meinen Lebzeiten wird es keine Stiftung geben, in die meine Kunstwerke eingehen. Ich möchte die Kontrolle über meine Sammlung nicht verlieren.“ Deshalb hat er sich vertraglich ein Vetorecht ausbedungen, das ihm Mitsprache bei den Ausstellungen sichert. Zudem behält er einen erheblichen Teil der Collection, jener, der im Anhang des Leihvertrags als Familiensammlung bezeichnet wird, in Zürich. Gleiches gelte für alle Neuankäufe während der siebenjährigen Laufzeit in Berlin, bestätigt Flick auf Anfrage.

Wer verdient an der Sammlung?

Immerhin beteiligt er sich aber an einem Teil der Kosten und zahlt die 7,5 Millionen Euro für die Renovierung der ehemaligen Rieck-Speditionshalle, in der seine Werke von September an gezeigt werden. Allerdings war er zunächst bereit, eine weit höhere Summe auszugeben, damals in Zürich, als er ein eigenes Museum plante, für 15 bis 20 Millionen Euro, und alle Ausstellungskosten übernehmen wollte. Im Vergleich dazu muss ihm Berlins Angebot wie ein Schnäppchen vorkommen. Die unter Spardruck stehende Preußen-Stiftung hat Flick – geschätztes Vermögen 500 Millionen Euro – ausgezeichnete Konditionen eingeräumt, dank deren er nun noch reicher werden dürfte.

Flick sammelt nicht deshalb Kunst, weil er Geld damit verdienen will; viel wichtiger ist ihm die Freundschaft mit den Künstlern. Doch dürfte er, der „Meister der Rosinenpickerei“ (das Schweizer Magazin Cash) nicht ganz unglücklich darüber sein, dass ihm der Vertrag mit Berlin auch materielle Vorteile verspricht. Bekanntlich steigt der Wert einer Sammlung beträchtlich, wenn sie die Weihen eines öffentlichen Museums erfährt. Für manche Künstler der Flick Collection, für Bruce Nauman oder Martin Kippenberger, mag dies nicht gelten, weil sie schon heute schier unbezahlbar sind. Aber für die Unbekannteren wie Urs Fischer, Gerold Miller oder Etienne Lincoln verspricht Flicks Deal mit Berlin einen Karriere- und Preissprung.

Der Abgeordnete Geis fordert denn auch eine „Teilhabe der öffentlichen Hand an diesen Vorteilen“. Und der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde zu Berlin, Albert Meyer, beschwert sich in der Rheinischen Post darüber, dass Flick, der vor 30 Jahren mit seinem Vermögen in die Schweiz zog, die deutsche Steuergerechtigkeit aushebele. „Wir müssen doch wohl jetzt nicht zusehen, wie dieser Herr sein Vermögen auf unsere Kosten vermehrt.“

Vehement bestreitet Flick, er wolle Teile der Sammlung verkaufen und sich so bereichern, auch wenn ihm dies der Vertrag gestatte – er veräußere nur einzelne Werke, die nicht in die Sammlung passten. Allerdings ist es schon vorgekommen, dass er sich von einem Kunstkonvolut getrennt hat. Erst hatte er eine ganze Ausstellung von Becher-Schülern aufgekauft, wenige Jahre später stieß er zahlreiche Fotos wieder ab, etwa die von Andreas Gursky. Nur ein Bild von ihm, den Rhein, behielt er, weil es ihn an seine Kindheit in Düsseldorf erinnerte.

Abgewickelt wurden diese Geschäfte über die Flick Kunstverwaltung GmbH in Zürich, als deren Gesellschafter die Pilatina Consultancy von den britischen Jungferninseln auftritt ebenso wie die Contempory Art Ltd. von der Steuersparinsel Guernsey, der Flick alle seine Kunstwerke übertragen hat. Geschäftszweck der GmbH ist laut Handelsregisterauszug unter anderem der „Handel mit eigenen und fremden Kunstwerken“. Dieser Passus soll nun, sagt Flicks Sprecher Tyll Schönemann, gestrichen werden. Doch merkwürdig bleibt es, dass die GmbH über lange Zeit ausgerechnet einen Galeristen als Geschäftsführer hatte, den Züricher Iwan Wirth. Auch wenn man Flick abnimmt, dass er keine finanziellen Interessen mit seiner Kunst verfolgt – Wirth tut dies sehr wohl, schon berufshalber. Er gilt als enger Freund des Sammlers und schrieb 1997 mit Stefan Banz das Konzept für die Kollektion, in dem Bruce Nauman zu einer der Leitfiguren erklärt wird. Viele Künstler der Galerie Hauser& Wirth sind in der Sammlung Flick sehr gut vertreten, die An- und Verkäufe werden über sie abgewickelt.

„Letztlich ist es aber ganz gleich, ob Kunstwerke verkauft werden oder nicht“, sagt Lothar Binding, SPD-Abgeordneter im Bundestag. „Steuern sind in jedem Fall fällig.“ Binding hat das deutsche Außensteuerrecht intensiv durchforscht und festgestellt, dass die Ausstellung der Flick Collection in Berlin nichts anderes bedeutet als die Betriebsstättengründung einer ausländischen Kapitalgesellschaft. Weil die Kunstwerke Flick nicht selbst gehören, sondern der Contemporary Art Ltd. auf Guernsey, handele es sich bei der Sammlung um Betriebsvermögen. Dessen Vermehrung, auch wenn es nur um Buchwerte gehe, müsse versteuert werden, sagt Binding. Er hat deshalb den Berliner Finanzsenator aufgefordert, der Contemporary Art Ltd. eine Steuernummer zuzuteilen. Schließlich sei es ungerecht, dass Kanzler Schröder jene Unternehmen, die ins Ausland abwanderten, als unpatriotische Gesellen beschimpfe – während nun der Steuerflüchtling Flick im Kanzleramt hofiert und seine Sammlung mit Staatsmillionen begünstigt werde.

Der eigentliche Grund für die vielen unwirschen Nachfragen der jüngsten Zeit liegt allerdings tiefer – in der Familiengeschichte des Kunstkenners. „Die materielle Wertsteigerung ist ja nur das eine“, sagt Salomon Korn, der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. „Die ideelle Wertsteigerung wiegt viel schwerer.“

Flicks Großvater war Hitlers wichtigster Rüstungsindustrieller und hatte in seinen Fabriken etwa 40000 Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge ausgebeutet. Von diesem blutig erworbenen Reichtum profitierte später der Enkel Friedrich Christian, der sich über 100 Millionen Mark auszahlen ließ, weitere Millionen erbte – und nicht die kleinste Summe in den Zwangsarbeiterfonds einzahlte.

Die Kritiker milder stimmen

Damit mochten sich viele Züricher nicht abfinden: Als Flick in ihrer Stadt sein Museum plante, gab es laute Proteste, auch von Künstlern wie Jürgen Flimm, György Konrád und Christoph Marthaler. Empört waren sie vor allem über einen Brief, den Flick 1997 an seinen Onkel Friedrich-Karl geschrieben hatte: Die Kunstkollektion werde, heißt es da, „meinen Kindern und Nachkommen eine konstruktive und sinnvolle Möglichkeit zur neuen Identifikation mit unserem Namen aufbauen“; Ziel sei es, dass „der Name Flick auf eine neue und dauerhafte positive Ebene gestellt“ werde. Der Historiker Thomas Buomberger sprach von „Ablasshandel“.

In Berlin wollte man von solchen Nebenabsichten nichts wissen. Die kritischen Stimmen blieben in der Minderheit, zumal sich Flick irgendwann auf den öffentlichen Druck hin entschlossen hatte, in Potsdam eine Stiftung gegen Rassismus zu gründen. „Ich könnte mir vorstellen, dass dies meine Kritiker etwas milde stimmen wird“, sagte er damals der Neuen Zürcher. Damit war für ihn offenbar der historischen Verantwortung Genüge getan, und führende Politiker Berlins schlossen sich diesem Gefühl dankbar an. Neuerdings aber wird das Rumoren lauter, selbst aus dem Ausland vernimmt man Kritik. Die amerikanische Holocaust-Forscherin Deborah Lipstadt beklagte vor ein paar Wochen in einem Brief an die deutsche Regierung die Rehabilitierung Flicks und merkte süffisant an, die Verschleierer der Geschichte seien oft schlimmer als die Verleugner. Auf eine Antwort wartet sie bis heute.

„Entscheidend ist, dass diese Sammlung mit Geld aus trüben Quellen gekauft wurde“, schließt sich Korn der Kritik an. „An der Kunst kleben die blutigen Fingerabdrücke der Geschichte.“ Nie habe sich die Familie Flick bemüht, diese Geschichte aufzuarbeiten. Stattdessen suche man nun, auf dem Wege der Kunst ein „Gütesiegel der Öffentlichkeit“ zu erlangen, und die Bundesregierung mache dies Spiel auch noch mit. „Das ist ein Projekt forcierter Normalisierungspolitik.“

Tatsächlich kann man sich darüber wundern, dass in der Ausstellung mit keinem Wort an den familiären Hintergrund des Sammlers erinnert werden soll. „Wir wollen Kunst und Politik klar voneinander trennen“, sagt der Kurator Blume. Und auch Wowereit wünscht sich eine Versöhnung mit der Geschichte, damit die „Verknüpfung der gesammelten Kunst mit der Geschichte des Sammlers inhaltlich aufgehoben werden kann“.

Dass die Zwangsarbeiterschicksale in den Flick-Unternehmen nicht gänzlich von der Flick Collection überstrahlt werden, dafür müssen nun Privatleute wie Armin Huttenlocher sorgen. Er gehört zu den Mitbegründern des Fördervereins Dokumentation Zwangsarbeiter, der in einer Parallelausstellung die Geschichte der Flicks ausleuchten will. Die Stadt wird dies Vorhaben nicht unterstützen, der Sammler, sagt sein Sprecher, würde gern helfen. In Wahrheit allerdings hat er bislang alle Einladungen des Vereins klar zurückgewiesen – mit dem Hinweis, er sei „ein in öffentlichen Auftritten dieser Art nicht gerade geübter Mensch“. Dies gilt wohl aber nur für Auftritte, bei denen er auf skeptische Fragen treffen könnte. Einer Einladung zur Plauderei vor geladenem Publikum im Kanzleramt folgte er gern.

So fragt man sich verwundert, warum Flick ausgerechnet jene Künstler besonders liebt, die nach den Schnittstellen von Politik, Geschichte und Ästhetik suchen – wo er selber doch die Sphären strikt trennen will. „Das Kunstwerk steht für sich“, erklärt er sein Verhalten; seine Sammlung habe nichts mit seiner Familiengeschichte zu tun. Und Kulturministerin Weiss bestätigt ihn in dieser Auffassung, wenn sie behauptet, das Museum könne die Werke der Collection „in seine Arbeit so einbeziehen, wie wenn es eigener Museumsbestand wäre“. Die Wirklichkeit sieht anders aus: Die Bilder und Skulpturen werden keineswegs mit den Beständen der Berliner Häuser frei durchmischt, vielmehr bekommen sie ein eigenes Haus und erscheinen dort unter Flicks Namen – als seine Werke und als sein Werk. Die Kunst ist nicht nur Kunst, sondern vor allem Teil einer Sammlung, deren Logik sie folgt. Und dessen Besitzer sie rühmt.