"Die Enkel haben kein Blut an den Händen"

Vier Monate vor Eröffnung der "Flick-Collection" häufen sich die Angriffe von Kritikern. F.C. Flick wehrt sich

von Gabriela Walde und Uta Baier

Alles im grünen Bereich: Das Dach ist fertig, die Klimakanäle sind installiert, die Beleuchtungsschienen werden gelegt. Das Museumsprojekt "Rieckhalle" am Hamburger Bahnhof läuft termingerecht. Am 22. oder 23. September wird die Kunstsammlung von Friedrich Christian Flick in die ehemaligen Industriehallen einziehen. Was in Flicks Wahlheimat Zürich zu massiven Protesten und zum Scheitern seines Museums führte, stieß in Berlin bisher auf eher euphorische Zustimmung. Die moralische Dimension der Familiengeschichte Flick - Flicks Großvater war als Waffenlieferant eine der Hauptstützen im Nazi-Deutschland - wurde im Gegensatz zu Zürich zu keiner öffentlichen Debatte. In der Hauptstadt empfing man den 59-jährigen Millionär mit dem roten Teppich, Küsschen hier, Küsschen dort.

Doch jetzt, vier Monate vor der Eröffnung der Ausstellung häufen sich die Angriffe von Kritikern, sie sprechen von "Blutgeld" (Salomon Korn, Vizepräsident des Zentralrats der Juden) und einer "unerträglichen Täuschung" bei der Finanzierung durch den Bund (Norbert Geis, CSU-Bundestagsabgeordneter). Und auch im Auswärtigen Amt gingen mehrere Protestbriefe ausländischer Flick-Gegner ein, die ans Bundeskanzleramt weitergeleitet wurden. Der Förderverein "Dokumentation Zwangsarbeiter" fordert eine Begleitausstellung zum Thema Zwangsarbeit und Flick.

Erst dieser Tage hatte Salomon Korn das Engagement des Bundes bei der geplanten Ausstellung der Flick-Collection in den Rieck-Hallen kritisiert. "Da es sich dabei um eine Art moralische Weißwäsche von Blutgeld in eine gesellschaftlich akzeptable Form des Kunstbesitzes handelt, ist es mehr als bedenklich, dass sich die Bundesregierung dafür einsetzt", so Korns Argumentation.

Sätze, die Flick natürlich "irritieren und schockieren", wie er Korn in einem Brief schreibt, der der WELT vorliegt. "Blutgeld, Geldwäsche, Unmoral, das sind Vorwürfe, die unter die Haut gehen. Denen ich wohl entgangen wäre, wenn ich nicht Kunst gesammelt hätte, die ich der Öffentlichkeit zugänglich machen will, sondern Autos, Yachten oder Flugzeuge zum Privatvergnügen". Mit dem Terminus Blutgeld sieht Flick sich kriminalisiert und außerhalb der Gesellschaft gestellt. Es bedeute für ihn, dass "ich Blut an den Händen habe. Mehr noch: Auch meine Kinder und Kindeskinder, jeder meiner Angestellten, der von mir Gehalt bezieht, und sogar der Kellner, dem ich ein Trinkgeld zustecke". Warum, fragt Flick in dem Brief weiter, diese vernichtende Wortwahl? Er kontert: "Und: Ist die Stiftung (Preußischer Kulturbesitz, Anm. d. R.) nun auch Blut befleckt, weil mit Blutgeld finanziert?"

Er wolle mit seiner Ausstellung der "dunklen Seite meiner Familiengeschichte eine hellere" hinzufügen. Natürlich, räumt Flick in diesem Brief ein, sei mit dem Namen Flick eine besondere Verantwortung verbunden. "Zumal der Einzelne die Verantwortung, die sich aus der Familiengeschichte ergibt, nicht auf die Gemeinschaft delegieren kann. Umgekehrt aber kann die Gesellschaft die Verantwortung, die sich aus der deutschen Geschichte ergibt, auch nicht auf Einzelne übertragen."

Zum Ende des Briefes verwahrt sich Flick gegenüber Korn noch einmal deutlich gegen die Blutgeld-Anschuldigung: "Ich weiß, was mein Großvater getan hat. Die Deutschen wissen, was die Deutschen getan haben. Aber die Enkel haben kein Blut mehr an den Händen."

Während Flick offensiv mit seiner Familiengeschichte umgeht, scheinen Nachfragen bei den verantwortlichen Institutionen unerwünscht - die Ausstellung wird durch die vom Bund und den Ländern finanzierte Stiftung Preußischer Kulturbesitz eingerichtet. Sobald der Name Flick fällt, stößt man auf seltsame Befangenheit und nervöse Abwehrreaktionen. Offenbar sitzt die Angst vor einer ähnlich explosiv geführten Diskussion wie in Zürich tief. Befürchtet man, dass das Flick-Projekt noch in letzter Minute platzt?

Im Bundespresseamt will man die Protestbriefe aus dem Ausland nicht kennen, würde sie aber auch nicht "öffentlich machen, schließlich geht es um ein Projekt, das wir fördern", so Sprecher Dietrich von der Schulenburg.

Selbst die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die eine klare Position bezieht ("Kunst kann man nicht stigmatisieren und die Enkel und Urenkel nicht in Sippenhaft nehmen", Stiftungspräsident Klaus-Dieter Lehmann), hat es bis heute versäumt, der Öffentlichkeit die genauen und offenbar doch deutlich höheren Kosten der Ausstellung vorzulegen. Deshalb kann der CSU-Abgeordnete Norbert Geis effektheischend von 15 Millionen Euro (statt sechs) Gesamtkosten für die Ausstellung spekulieren und eine Prüfung des Bundesrechnungshofes verlangen. Dort indes sieht man derzeit keinen Anlass zur Nachforschung.

Wie hoch die Kosten am Ende auch sein mögen, ganz ruhig wird es um Friedrich Christian Flick und seine auf sieben Jahre angelegte Ausstellung in den Rieck-Hallen wohl nie werden. Er wird weiter polarisieren, noch dazu, weil sein Image als Jetsetter der Society natürlich immer wieder Neider aller Art auf den Plan ruft und Vorurteile sich gerne auf seine Person projizieren lassen. Flick hat gelernt, dass man sich der Kritik stellen muss, Offenheit am wenigsten anfechtbar macht. Das müssen alle anderen wohl erst noch lernen.

Artikel erschienen am 17. Mai 2004