Zanas Erzählung

In Kosova

Ich bin 1966 geboren und wuchs in einer großen Familie in Kosova auf. Ich hatte eine tolle Kindheit  – arm, aber glücklich. Bis 1970 wurde das Recht, die Muttersprache zu verwenden, nicht praktiziert. 1981 demonstrierte ich zum ersten Mal gegen die unerträgliche soziale Ungerechtigkeit, die Kosova unter der sozialistischen Selbstverwaltung angetan wurde.

Als Flüchtling im Land Hegels

Auf der Flucht von den unsicheren Zuständen reiste ich mit meiner Familie illegal in Deutschland ein. Zweimal überschritt ich die Grenze, wurde erwischt, und habe es wieder versucht; beim zweiten Mal hatte ich Glück. So landeten wir dann 1993 in Berlin. Als Flüchtling machte ich schlechte Erfahrungen, man war nur Ausländer, kein Mensch. Die Ausländergesetze sind eine Sammlung von Verboten. Das wichtigste war, bei der Ausländerbehörde eine Duldung zu ergattern. Damals gab es ein komisches Aufenthaltsrecht, ein Verbotsrecht, nur für Flüchtlinge aus Ex-Jugoslawien: „Aussetzung der Abschiebung“. Das bedeutete: Falls sich die Lage beruhigt, müssen diese Flüchtlinge sofort zurück – „freiwillig“ natürlich. Jeder hat geklagt. Zum Glück gab es viele Beratungsstellen, und solange das Verwaltungsgericht nicht entschieden hatte, durften wir nicht abgeschoben werden. So hatten wir ein wenig Zeit gewonnen durch die Duldung.

Leben mit „Duldung“

Wir wurden geduldet, aber man durfte nicht arbeiten, nicht Deutsch lernen, keine Wohnung haben, man durfte eigentlich nichts. Nicht mal Abitur durften die Kinder machen. Wir waren in Sammelunterkünften untergebracht, meine Familie in einem ehemaligen Zwangsarbeiterlager aus dem Zweiten Weltkrieg. Wegen eines Fehlers des Bezirksamtes sollten wir dann dort weg. Aber die Kinder waren in der Nähe eingeschult, hatten Freunde gefunden und gingen gern zu Schule; deswegen wollte ich auf keinen Fall wechseln. Die Sachbearbeiterin beim Sozialamt verstand das und erlaubte uns, selber eine Unterkunft im Bezirk zu finden. Sechs Jahre lebten wir mit Duldung. Zum Glück gibt es immer Menschen, die sich nicht genau an die Gesetze halten - so konnte ich dann auch in einer Sprachenschule Deutsch lernen.

Der Krieg in Kosova 1999

Während des Krieges war ich in Berlin. Wir verbrachten Stunden vor den Nachrichten. Auf der einen Seite war es ein Ausnahmezustand: Du trauerst, weinst, schläfst schlecht und hast keinen Appetit. Auf der anderen Seite musste man Ehefrau, Mutter und Putzfrau sein. Eine sehr schlimme Zeit. Meine Familie war drei Monate spurlos verschwunden; drei meiner Onkels wurden umgebracht. Meine Mutter war danach gebrochen und ein völlig anderer Mensch.

Leben heute – zu Hause?

Ich bin Juristin, arbeite als „Oberflächentechnikerin“ und habe die deutsche Staatsangehörigkeit. Ich habe vier Kinder und, nach der Scheidung von meinem ersten Ehemann, eine deutsche Familie dazugewonnen. Ich bin gerne in Kosova, aber nach kurzer Zeit muss ich wieder „nach Hause“, und das ist endgültig Berlin. Aber wenn ich mich ärgere über die deutsche Bürokratie, wünsche ich mir, wo anders zu leben. Hin und Her – ich weiß nicht immer, wohin ich gehöre. Ich bin lange nicht mehr fremd, aber überall wirst du daran erinnert mit dem schönen Satz: „Wo kommst du her?“ Und ich sage ganz stolz: „Ich habe einen deutschen Vordergrund!“ Ich liebe die deutsche Literatur, und wenn es einen Sinn hatte, dass ich hier lebe, muss es der sein: Ich lebe in einem Land der Literatur.

Der Zweite Weltkrieg

Mein Opa mütterlicherseits ist im Krieg gefallen, im Kampf gegen serbisch-bulgarische Paramilitärs, die in den Grenzgebieten Dörfer plünderten und die albanische Bevölkerung umbrachten. Der älteste Bruder meiner Mutter wurde wegen einer Blutrache-Geschichte mit einer anderen albanischen Familie umgebracht. Mein Opa väterlicherseits, so sagte man, wurde während des Krieges von serbischen Spionen umgebracht. Der Bruder meines Vaters wurde nach Kriegsende von serbischen „Partisanen“ mitgenommen; sie müssten den letzten Feldzug an der Grenze zu Albanien führen, Albanien sei in Gefahr. Es war eine Falle, die Tausenden jungen Albanern das Leben kostete, es war das so genannte Massaker von Tivar. Meine Oma starb deswegen an „Herzplatzen“. So dass mein Vater mit 11 Jahren als der „Älteste“ zwei Brüder großziehen musste.

Mütterlicherseits geriet mein Onkel Hasan als jugoslawischer Soldat in deutsche Kriegsgefangenschaft und wurde zur Zwangsarbeit in Deutschland gezwungen, im Lager Stalag VI, wo er als Dolmetscher diente. Er berichtete, wie die Albaner für die SS-Division „Skanderbeg“ rekrutiert wurden: Den Kriegsgefangenen albanischer Herkunft wurde versprochen, dass sie gegen die Serben kämpfen; am Ende werde Kosova wie früher mit Albanien zusammen bleiben. Außerdem erhielten diejenigen, die der SS-Division beitraten, Urlaub, und durften ihre Familien besuchen. Auch mein Onkel überlegte es sich; aber er konnte Russisch, hatte mit den russischen Gefangenen Kontakt und kam so in Berührung mit kommunistischen Ideen. Viele von unseren Verwandten hatten jedoch jemanden in dieser Division. Nach dem Krieg wurde Onkel Hasan zum Bezirksabgeordneten gewählt, aber da er - als Albaner - dem Anschluss Kosovas an Jugoslawien nicht zustimmte, wurde ihm irgendetwas vorgeworfen und er wurde zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Anschließend ging er nach Bosnien.

Albanerinnen in Berlin

In manchen Familien hat sich die Rolle der Frau deutlich verbessert. Eine Migrations-Emanzipation würde ich das nennen. Frauen sind in manchen Fällen besser zurecht gekommen. Wir versuchen, durch kulturelle Veranstaltungen unsere albanische Identität zu bewahren. Meine Botschaft an die anderen ist etwas, was jedem von uns, der als Flüchtling hier angekommen ist, genutzt hat: „Fange nie an, aufzuhören – höre nie auf, anzufangen!“ Das ist von dem Philosophen Cicero.