Shpresas Erzählung

Leben im Kosovo

Ich bin 1971 geboren, verheiratet und habe drei Kinder. Nach dem achten Schuljahr wollte ich auf das Gymnasium, konnte aber nicht wegen des weiten Fußmarsches durch den Wald. Mit 18 heiratete ich. Mein Mann arbeitete dann in Kroatien. Nach fünf Jahren wurde die Lage schlimmer, er wurde entlassen. Es gab keine Arbeit, auch keine Sicherheit mehr im Kosovo.

Die Emigration: in Polen gestrandet

Wir entschieden uns nach Schweden zu gehen. Mein in der Schweiz lebender Bruder schickte Geld. 1992 fuhren wir mit unseren Reisedokumenten in einem Bus nach Polen und nahmen dort die Fähre. Als wir in Schweden ankamen sagten sie uns, dass mit dem heutigen Tag die Visa für die Albaner keine Gültigkeit mehr besitzen, und wir wurden zur polnischen Grenze zurückgebracht. Wir baten in Polen um Asyl und kamen in ein Lager. Wir hatten kein Geld, aber es war schön dort. Und ich wurde schwanger. Mein Bruder aus der Schweiz meinte, wir sollten nach Deutschland gehen. Wir hatten noch etwas Geld, 1993 brachen wir auf.

Steglitz heuteAnkunft in Berlin

Der Weg hierher erscheint mir wie ein Traum, ich habe die meiste Zeit geschlafen. Wir waren in einem Auto, nachts in einem Wald wurden wir herausgelassen. Mit einem Taxi fuhren wir später nach Berlin. Auf der Straße sprachen wir dunkelhäutige Menschen an in der Hoffnung, dass es Roma sind. Sie brachten uns zu einer Romafamilie, die uns sehr gut aufnahm und nach einer Ruhepause zu einer albanischen Familie aus Mazedonien mit eigenem Restaurant brachte. Auch sie nahmen uns sehr gut auf und abends mit in das Wohnheim, in dem sie wohnten. Anschließend lebten wir eine Woche beim Roten Kreuz, bis wir von der Ausländerbehörde ein Visum für sechs Monate erhielten und direkt in ein Wohnheim gebracht wurden. Wir konnten kein Wort Deutsch.

Die erste Zeit in Berlin

Über die Geburt meines Sohnes haben wir uns sehr gefreut. Leider bekam ich Tuberkulose und war wochenlang im Krankenhaus. Zwei Tage vor meiner Entlassung kam eine Sprachlehrerin, um mir Deutsch beizubringen; wäre ich nur einen Monat länger geblieben, könnte ich die Sprache jetzt perfekt. Ich wurde wieder schwanger und bekam eine Tochter. Wir zogen von einem Wohnheim zum anderen. Die Visa wurden immer nur um drei oder sechs Monate verlängert. Immer hatten wir Angst, dass wir zurück müssen, und Geld für einen Anwalt besaßen wir nicht.

Der Krieg im Kosovo

1997 war mein Vater gestorben und ich war mit dem dritten Kind schwanger. 1998 fing der Krieg an. Ich erfuhr, dass mein Bruder im Krieg gestorben ist. Die Familie war irgendwo in den Wäldern. Das war furchtbar und mein Zustand wurde immer schlimmer. Wir fanden eine Therapiegruppe beim Süd-Ost-Europa e.V. mit einer albanischen Übersetzerin. Das hat mir sehr gut getan. Dann wurde dafür nicht länger gezahlt und uns empfohlen, selbst jemanden zu suchen. Das tat ich.

Der Kampf um die Aufenthaltsgenehmigung

Duldung, Duldung, Duldung - ich hatte keine Möglichkeit auf Arbeit, auf Bildung, keine Erlaubnis, Berlin zu verlassen. Es war wie in einem Gefängnis. Wir hatten ständig Angst nachts abgeholt zu werden. 2005 sollten wir dann das Land verlassen. Die Schule meiner Kinder sammelte über 1500 Unterschriften für unser Bleiben. Wir übergaben unsere Unterlagen nochmals zur Überprüfung der Härtefallkommission. Wir kämpften weiter, juristisch bis zur letzten Instanz, und erhielten dann befristete Aufenthaltsgenehmigungen.

Ausbildung und Beruf

2006 machte ich eine Ausbildung zur Kosmetikerin. Ich hatte Mühe mit den Theorieprüfungen wegen meiner schlechten Deutschkenntnisse, schaffte aber schließlich alle Prüfungen. Eine Arbeit in dem Beruf fand ich leider bisher nicht.

Zum ersten Mal wieder im Kosovo

2008, nach 16 Jahren, reiste ich das erste Mal wieder in den Kosovo. Ich fühlte mich wie eine Fremde. Die damals Alten waren tot, die damaligen Kinder erwachsen. Der Krieg hatte alles verändert. Für die Kinder war es sowieso etwas Fremdes. Wir haben mehr geweint als gelacht.