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Schilkin - die unerhörte Geschichte des russischen Wodkas in Berlin

Veranstaltungsbericht zum Werkstattgespräch am Montag, 13. November 2017 um 19 Uhr

Sema Binia

 

„Das beste und reinste Wässerchen der Welt: Der Wodka. Zum Wohl.“ Mit diesem ersten Satz aus einem historischen Filmbeitrag begann unsere Veranstaltung, während leere Wodkaflaschen verschiedenster Sorten unterm Tisch, in und auf den Bücherregalen sichtbar zum Thema platziert waren.  

Eingeladen hatten wir die Tochter des Wodkafabrikanten Sergej Apollonowitsch Schilkin, Frau Mier, geborene Schilkin und den Schwiegersohn, Herrn Mier. Ebenfalls zu Gast war der Journalist Werner Zedler, der seit den 1980er Jahren bis zur Wiedervereinigung als Korrespondent in der DDR bzw. Ost-Berlin gearbeitet hatte und nach der Wende Sergej Apollowitsch, wie man ihn auch nannte, interviewte. Von der Berliner Geschichtswerkstatt moderierte Jürgen Karwelat die Veranstaltung und Peter Lassau las Auszüge aus der Biografie von Sergej Schilkin „Hoffe, solange du atmest“. Zur Einführung ein Absatz über die russische Seele:

Im Wodka, im Wässerchen, steckt Tiefe und Trost. Wodka streichelt dem Russen das Herz. Seine Seele ist klar und rein. Keine Lüge schwimmt darin. In einem Glas Wodka liegt all die zärtliche Melancholie, die dem russischen Volk so eigen ist. Wodka nimmt die Angst und lässt in Vergangenheit und Zukunft schauen. Wodka ist eine russische Philosophie. Dabei liegt sein Geheimnis weniger in ihm selbst als vielmehr in den Geschichten, die sich um ihn ranken. Wodka, so sagen die Verständnislosen, ist nichts weiter als aus Getreide gewonnenes Äthanol, das über Aktivkohle gefiltert wird. Recht haben sie. Doch das russische Wässerchen ist mehr. Es ist die genial ins Verhältnis gesetzte feinfiltrierte Mischung aus Getreidesprit und besonders behandeltem Wasser. Die Schöpfung dieses edlen Tropfens haben wir einem Moskauer Kloster zu verdanken. Etwa Mitte des 15. Jh. kreierten hier findige Mönche den reinen Schnaps. Selbst solch eine Berühmtheit wie Dmitri Mendelejew, der Erfinder des Periodensystems der Elemente, leistete seinen Beitrag zur Entwicklung des Wodkas. Begründete er doch als Erster die Sprit-Wasser-Proportion wissenschaftlich. Auch vor der Politik machte der 40prozentige nicht halt. Von Zar Nikolaus Alexandrowitsch ist, als er sich mit dem Prinzen von Wales über die Qualitäten von Whisky und Wodka stritt, folgende Definition überliefert: Aus flüchtigem Nichts ins fantastische Aroma. Wodka ist ein urrussischer Beitrag zur Entwicklung der Weltkultur.

Ein wohliges Raunen ging durch den Raum und Herr Mier nahm es als ein Zeichen, aus einem Pappkarton Schilkin-Wodka, der nur für unsere Veranstaltung gedacht war, hervorzuholen. Routiniert drehte er am silbernen Zwiebeltürmchenverschluss und schenkte ein. Für russische Gewohnheiten  war unsere Portion zu wenig, für den Anlass sicherlich genug. Die Familie brachte die Rezeptur für diesen Wodka 1921 aus Russland mit nach Deutschland.

Apollon Fjodorowitsch Schilkin war Hoflieferant des Zaren Nikolaus des II. und rechte Hand des Generaldirektors der russischen Dampfschiffsfahrtgesellschaft. Nach einer wohlausgewogenen Rezeptur stellte er den Zarenwodka her. Heutzutage ist die Firma Schilkin der einzige herstellende Betrieb, der einen Wodka mit der Bezeichnung Zarenwodka weltweit herstellen darf.

1915 wurde sein Sohn Sergej Schilkin in Sankt Petersburg geboren. Er erinnerte er sich an die Einkäufe mit seiner Babuschka oder die Spaziergänge mit dem Vater zum Denkmal Peters des Großen 1928. Eines Tages nahmen ihn seine Babuschka und seine Mutter Natalja auf den Schwarzen Markt am Newski-Prospekt mit. Während seine Mutter mit dem Marktschreier verhandelte, ertönte der Ruf „Kosaki, Kosaki“. Die Mutter packte ihn am Arm und schob ihn in einen Hauseingang. Der kleine Sergej erinnerte sich an plötzlich auftauchende Kosaken – Sankt Petersburger Garden mit ihren goldenen Knöpfen, die an den dunkelgrünen Waffenröcken blinkten.

Seine Eltern waren ausgemachte Monarchisten, die auf das russische Kaiserreich schworen. Der Chef der Westrussischen Dampfschiffsfahrtgesellschaft Pjotr Fjodorowitsch verkaufte kurz nach Ausbruch der Revolution die gesamte Flotte in Liverpool. Als rechte Hand des Chefs deponierte Apollon Fjodorowitsch Schilkin einen beträchtlichen Anteil des Erlöses bei der Bank von England und häufte auf diese Weise einiges Vermögen an. Im Frühjahr 1919 wurde allerdings die Fabrik des ehemals zaristischen Hoflieferanten Apollon Fjodorowitsch Schilkin verstaatlicht.

Nach der Russischen Revolution ging die Familie 1921 in die Emigration und gehörte damit zur ersten Welle von Migranten mit über drei Millionen Russen. Das Schicksal führte sie nach Berlin. Aufgrund ihrer Klassenzugehörigkeit erhielt die Familie Schilkin dort keine Lebensmittelkarten. Sie ernährte sich mehr schlecht als recht von Salzhering und Mais. Der vierjährige Sergej Schilkin verlor immer mehr an Gewicht. Er war nahezu dem Hungertod ausgeliefert. Seine Eltern waren froh, dass sie in Berlin in einer vernünftigen Gegend wohnen konnten. Sie zogen nach Berlin in die Karlshorster Güntherstraße 9.

Durch sein kleines Vermögen bei der Bank von England galt Apollon Fjodorowitsch Schilkin dort als ein großer Mann. Die beiden Kinder Sergej und sein Bruder  Diman sollten nach dem Willen der Eltern richtige Deutsche werden, auch wenn sie zu Hause bis zum letzten Atemzug der Eltern russisch sprachen. Die erste Sprache, die Sergej Schilkin gelernt hatte, war so ein echtes Berlinisch, dass er später kaum wieder gehört hatte. Seinen Vater bezeichnete er später mal als einen ausgemachten Deutschen. Er selbst fühlte sich „…als Deutscher, als Urdeutscher, als Deutscher, der deutscher ist als ein Deutscher“.

Sein Vater Apollowitsch Fjodorowitsch Schilkin war ein Hitleranhänger und erhoffte sich von Hitler, dass Russland vom Bolschewismus befreit werden würde. Er trat einer Freimaurerloge bei mit dem Erfolg, dass er 1932 eine Gewerbegenehmigung zur Spirituosenherstellung bekam. Von seinem letzten Geld, was er noch hatte, kaufte Apollowitsch Fjodorowitsch Schilkin einen Gutshof in Berlin-Kaulsdorf. Gegen die Konkurrenz von 200 Berliner Schnaps- und Likörherstellern konnte er sich jedoch nicht behaupten. Der Plan, in Berlin einen neuen Anfang mit der Gründung eines Spirituosenwarenunternehmens zu wagen, ging also schief. Absatz und Produktion stockten. In kürzester Zeit verlor die Familie fast ihr gesamtes Vermögen. Sergej Schilkin wurde ein bettelarmer Fabrikantensohn. Nur durch Näherei-Arbeiten der Mutter konnte sich die Familie die nächsten zehn Jahre über Wasser halten.

1945 wurde allen Betrieben in den Ländern bis zur Oder, die offiziell unter sowjetischer Verwaltung standen,  Sequestoren unterstellt. Das kam einer staatlichen Zwangsverwaltung gleich. Alle Vorhaben, alles Kapital mussten Sequestoren gemeldet werden. Der Betrieb bekam eine staatliche Beteiligung. Sergej Apollowitsch sagte, es fehlte nie an Kapital, und er konnte investieren, ins westliche Ausland exportieren, bekam Devisen und er konnte die Firma technisch auf einen sehr modernen Stand halten. Diese „halbstaatliche“ Beteiligung gab es bis 1972. Nach der vollen Enteignung wurde es  sehr viel schwerer.

Da Sergej Schilkin durch sein Studium an der Technischen Universität noch eine zweite Handwerksfirma für Löten und Schweißen im Westberliner Bezirk Steglitz aufbauen konnte, lebten sie in Kaulsdorf in sehr guten Verhältnissen. Frau Mier betonte, dass die Verhältnisse so gut waren, dass sie nie „Ostschuhe“  tragen musste.

In der Zeit vor dem Mauerbau 1961 hielt Sergej Schilkin auch Kontakte zu den Russen in Karlshorst, um Geschäfte zu machen. Frau Mier erinnerte sich an ein Weihnachtsfest. Alle saßen unterm Weihnachtsbaum, das Festessen war schon beendet, die Familie, Tante und Onkel waren noch da und der Vater Sergej Schilkin kam irgendwann nach Mitternacht, völlig zugedröhnt nach Hause. Da gabs natürlich Krach. „Da war er bei den Russen in Karlshorst. Das sind so ganz persönliche Sachen, die ich noch weiß“, berichtete Frau Mier, die Tochter von Sergej Schilkin.

Aus dem Publikum wurde die Frage gestellt, wieviel Russisches noch in der Familie sei. Frau Mier erzählte, dass sie sich gern an die Geburtstage der Mutter erinnert, auf denen russisch gesungen und gekocht wurde. Den Russisch-Unterricht in der DDR sowie das sozialistische System inklusive der Deutsch-Sowjetischen Bruderfreundschaft allerdings lehnte sie ab. Als Kind hatte sie Überwachung und  Hausdurchsuchungen erlebt. Das prägt. Alles, was DDR war, schien ihr suspekt. Herr Mier begründete die Ablehnung alles Russischen auch mit der Situation unmittelbar nach dem Krieg.  Insbesondere in Berlin war die Verbindung zum Westen noch sehr stark. Beide, er und seine Frau, besuchten in Westberlin die Schulen, weil sie in Ostberlin keinen Gymnasialplatz bekommen hatten.

1961 zogen beide nach Westdeutschland in die Stadt Stuttgart. Als sie 1992 nach der Wende nach Berlin zurückkamen, stieg Herr Mier in das Unternehmen ein. Schilkin hatte 1992 in Sankt Petersburg das Joint Venture Schilkin – Berlin – Petersburg gegründet mit der Hoffnung, Schilkin-Wodka insbesondere auch in Russland verkaufen zu können, weil er qualitativ besser war. Der russischen Regierung gefiel diese neue Konkurrenz gar nicht und Schilkin wurde ab 1994 untersagt, Spirituosen mit mehr als 18 Vol.-% herzustellen. Das Unternehmen konnte in Russland nur noch Liköre herstellen, verzeichnete 2014 deutliche Verluste und ging fast pleite. Erst die Entwicklung des Pfefferminzlikörs „Berliner Luft“  brachte dem Unternehmen wieder den finanziellen Erfolg.

Der westdeutsche Journalist Werner Zedler hatte die Firma Schilkin Anfang der 1990er Jahre besucht, um die Geschichte vom alten Sergej Apollowitsch selbst zu hören. Zu erst veränderte der Unternehmer nach der Wende die Kantine mit ihren alten unappetitlichen Töpfen und Geräten. Zu seinen neuen Mitarbeitern sagte er: „Ihr müsst auch was Anständiges essen. Euch verdank ich, dass es den Laden noch gibt.“ Nach der Wende hat Sergej Apollowitsch Weiterbildungsprogramme vom Arbeitsamt in seinem Unternehmen angeboten, um aus DDR-Köchen Spitzenköche zu machen. Daraufhin gab es in der Firmenkantine mitunter Kürbissüppchen mit Safran oder Shrimpsspießchen. Die Reaktion der Kollegen: „Chef, ist ja alles ganz schön, aber wir wollen was Anständiges essen.“

Nach dieser sehr persönlichen Schilderung des Journalisten Werner Zedler über die Firma Schilkin haben wir uns der „praktischen“ Seite zugewandt. Herr Mier zeigte uns eine kleine Auswahl seiner Produkte, wie bspw. eine Likörflasche in Form des Fernsehturms. Den Pfefferminzlikör für die Studenten hatte er leider vergessen, verriet uns aber, dass die normale „Berliner Luft“ 18 Vol.-% und die „Berliner Luft“ Strong 40 Vol.-% hat. Daraufhin schenkte er noch von den mitgebrachten Wässerchen nach und die Zungen lösten sich zum Ende der Veranstaltung für das direkte Gespräch mit Frau und Herrn Mier über die russische Philosophie des Wodkas.