E-Mail-Dienst: Tagebuchaufzeichnungen vom 1. April bis zum 9. Mai 1945

02.04.2015 20:56

 

 

Wer Interesse an der Zusendung der täglichen Information hat, der melde sich bitte bei der Berliner Geschichtswerkstatt unter der E-Mail-Adresse info@berliner-geschichtswerkstatt.de

 

Berlin vor der Befreiung: Vor 70 Jahren kam der Zweite Weltkrieg in die Stadt zurück, in der er 1939 seinen Ausgang genommen hatte: nach Berlin. Dem weitaus größten Teil der Bevölkerung war klar, dass der Krieg verloren war, und die Eroberung der Hauptstadt des Hitlerreiches unmittelbar bevor stand. Zahlreiche Menschen haben zu dieser Zeit Tagebuch geführt oder ihre Erlebnisse unmittelbar nach der Befreiung der Stadt durch die sowjetische Armee aufgeschrieben. Es geht weniger um die militärischen Auseinandersetzungen als um den täglichen Kampf ums Überleben bei solchen Alltäglichkeiten wie Essen und Brennmaterial zu besorgen. Wir veröffentlichen  Auszüge aus Tagebücher zwischen dem  1. April und 9. Mai 1945.

 

 

 

 

 

Berlin vor der Befreiung: 9. Mai 1945
Frieden?

Frieden ... Seit heute Nacht ist Friedenszustand. Wir glaubten an Glocken, ersehnten Entdunkelung, erwarteten das Ende ewiger Entbehrungen, furchtbarster Opfer, quälenden Leids. So sehr viele die Dinge in die Katastrophe laufen sahen, so sehr haben sie an einen Frieden gedacht, den wir zu bestimmen hätten. Es war kein politisches Friedensbild, keine Repräsentationsspekulation, sondern eine bloße Entlastung des menschlichen Herzens, ein Ruhigwerden der Seele, ein Erlöschen des Hasses. Nun haben wir den, den die Russen uns geben. Sie haben Schnaps, Sekt, Wein, und sie trinken. Es ist so natürlich. Abends glüht der Himmel, und die Mainacht, von Flieder und Holunder durchduftet, ertrinkt stundenlang im taumelnden Lärm der Siegesböller, Friedenssalute, pfeifenden und Kapriolen schlagenden Leuchtraketen. Russen schießen Salut über der bisherigen Hauptstadt des Kontinents. Die Deutschen schauen zu oder haben die heil gebliebenen Rolläden heruntergelassen, weil sie diese Nacht des Sieges mehr noch als alle anderen, die vorangingen, fürchten. So zerplatzt mit den gleißenden Leuchtspuren auch manche letzte Illusion. Ein Feuerwerk ist der Friede, ein Feuerwerk für die, die es anzünden, und für die, über denen es abgebrannt wird.
„Die Stadt ohne Tod", Carl Habel Verlagsbuchhandlung, Berlin 1946. Matthias Menzel ist das Pseudonym für Karl Willy Beer (1909-1979). Beer war politischer Redakteur der „Deutschen Allgemeinen Zeitung". 1946 gab es Auseinandersetzungen um seine Tagebücher. Im Tagesspiegel vom 19. August 1946 wurde ihm zu Recht der Vorwurf gemacht, ein Propagandist des Nationalsozialismus gewesen zu sein, weil er als Autor „den ganzen Krieg über" den „Reich-Artikeln von Goebbels Konkurrenz" gemacht habe. Bemerkung des Antiquars in einem Exemplar der Erstausgabe: „Persilschein-Literatur“.

 

 

Berlin vor der Befreiung: 7. Mai 1945
Frieden?

Ich habe die »Geschäftsstelle der Partei« aufgesucht. Äußerlich  war sie nicht gekennzeichnet. Ich habe eine halbe Stunde in einem Vestibül unter Leuten gewartet. die irgendwelche Personalausweise wollten, Wohnungswünsche hatten oder einer Auskunft bedurften. Die Männer mit den K-Armbinden gingen geschäftig ein und aus. In dem Büro saß eine Angestellte der ehemaligen Gemeindeverwaltung, sonst niemand. Ich bin wieder gegangen, nachdem ich einen Blick hineingeworfen hatte. Die wartenden Leute stammten zum Teil von Gutshöfen der Umgegend. Sie erzählten einander, wie viele Hühner die Russen geschlachtet, wie viel Kühe und Pferde sie fortgetrieben, wie viel Speck und Eier sie in den Dreck geschleudert hätten und welches Schicksal jenen Verwaltern bereitet worden war. die ausländische Arbeiter schlecht behandelt hatten. Nachher habe ich die Wohnung des stellvertretenden Bürgermeisters Milling aufgesucht, weil sie an meinem Rückweg lag. Ich habe Herrn Milling nicht angetroffen. Er ist Tischler und Sargtischler von Mahlow. Wir hatten nie mit ihm zu tun. Denn während des Krieges einen Handwerker für Reparaturen zu bekommen, war unmöglich. Manchmal ging es, wenn man Schnaps oder Butter und Speck im Hause hatte. Herrn Milling will ich damit aber keinesfalls zu nahe treten. Wir haben wirklich einen Kommandanten! Er hat einen „Befehl Nummer I“ an die Bäume nageln lassen: Ausgehverbot nachts; strenge Verdunkelungspflicht; Ablieferung von Schreibmaschinen und Radioempfängern und Sendern binnen 3 Tagen; und anderes Kriegsübliche. Wir haben zwar ohnedies keinen elektrischen Strom, trotzdem halte ich die Ablieferungspflicht der Radioempfänger für unsinnig. Die Alliierten sollten das größte Interesse daran haben, die Bevölkerung mit ihren Nachrichten zu versorgen. Die Russen haben offenbar gar kein solches Interesse. Sie sind seit vierzehn Tagen hier und sagen uns gar nichts. Um das alte Gemeindehaus kümmert sich weiterhin niemand. Die »Bürgermeisterin« Krüger geht fortgesetzt dorthin im Gefühl der Hausherrin und ihrer Unentbehrlichkeit. Dagegen verlautet, dass der frühere Bürgermeister Hagena verhaftet worden sei, ebenso der alte Amtsvorsteher und Polizeichef Sternberg, der die Volkssturm-Kompanie II. als letztes Aufgebot befehligte, sich aber, als er merkte, wie die Hasen liefen, dort kaum öfter blicken ließ als ich.
Erik Reger, Zeit des Überlebens. Tagebuch April bis Juni 1945. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Andreas Petersen. Berlin (Transit Buchverlag) 2014. Der Schriftsteller und Journalist Erik Reger lebte von 1943 bis zum Sommer 1945 in Mahlow, einem Vorort im Süden Berlins. Er war einer der bekanntesten Schriftsteller der Weimarer Republik, dessen Bücher nach 1933 von den Nazis verboten wurden. Er war 1945 Mitbegründer und bis zu seinem Tod 1954 Chefredakteur der Berliner Zeitung „Der Tagesspiegel“.

 

 

Berlin vor der Befreiung: 6. Mai 1945
Man hält den Atem an

Wir wissen alle nicht, wie es weitergehen soll. Der Kampf gegen die Nazis ist aus. Niemand bedarf mehr unserer Betreuung. Die Aufgabe haben wir verloren und eine neue noch nicht gefunden. Es fällt auch schwer, an neue Aufgaben zu denken, wenn Strom und Wasser mangelt und jede Verbindung mit der Außenwelt durch mühsame Fußmärsche erkauft werden muss. Plötzlich bekommt uns der ganze Jubel des Befreitseins. Frei von Bomben! Frei von Verdunkelung! Frei von Gestapo und frei von den Nazis! Wie auf Flügeln eilen wir nach Hause. Am Abend feiern wir. Feiern mit allem, was wir besitzen. Pax nobiscum!
„Der Schattenmann". Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M.1984, (Tagebuchaufzeichnungen von 1938 bis 1945) und „Schauplatz Berlin", Suhrkamp 1984, (Tagebuchaufzeichnungen von1945 bis 1948). Ruth Andreas-Friedrich Journalistin (1901-1977).

 

 

Berlin vor der Befreiung: 5. Mai 1945
Wir wollen vergessen

Geburtstag ohne Eva. Auch der fromme Aberglaube zwingt das Wunder nicht herbei. Jetzt fließt kein Graben mehr zwischen uns, aber ich kann nicht weiter als hundert Meter sehen. Den dicken Nebel der Ungewissheit durchschneidet nicht einmal die Hoffnung. Lengens wollten in unser Massenquartier ein Stück Stimmung bringen: mit Blümchen, Grün und einer Extrakerze. Der korrekte Bürger Lengen stiftet sogar die zwei für die Silberhochzeit des Sommers seit Monaten gehorteten Beaujolais. Wir, sie wollen vergessen. Wer Wasser tragen muss, vor einer windigen Herdstelle sitzt, sein Lager sich abendlich erst neu suchen muss - der versteht das Schicksal tiefer, wenn er es im Spiegel der anderen sieht. Es ist Erschrecken, aber es ist auch zugleich Hilfe. Hilfe für die ersten Gedanken darüber, was werden und wachsen soll. Die Männer bis 40 Jahre sollen deportiert werden - ein Gerücht geht um, das deutlich noch nach gestern riecht. Solche kalte Gleichmacherei liegt gerade dem ausgleichenden, aber dennoch wertenden Bolschewismus nicht. Er hat den Staat der Spezialisten aufgebaut.

„Die Stadt ohne Tod", Carl Habe Verlagsbuchhandlung, Berlin 1946. Matthias Menzel ist das Pseudonym für Karl Willy Beer (1909-1979). Beer war politischer Redakteur der „Deutschen Allgemeinen Zeitung". 1946 gab es Auseinandersetzungen um seine Tagebücher. Im Tagesspiegel vom 19. August 1946 wurde ihm zu Recht der Vorwurf gemacht, ein Propagandist des Nationalsozialismus gewesen zu sein, weil er als Autor „den ganzen Krieg über" den „Reich-Artikeln von Goebbels Konkurrenz" gemacht habe. Bemerkung des Antiquars in einem Exemplar der Erstausgabe: „Persilschein-Literatur“.

 

 

Berlin vor der Befreiung: 4. Mai 1945
Erste Tagesbefehle

Wir bekamen neue und erschütternde Eindrücke vom Schlachtfeld Berlin. Es ist unmöglich, die Vernichtung in Worten zu beschreiben. Das gesamte Zentrum, das Regierungsviertel und die Gegend um die Tiergartenfestung sind total zerstört. Die Straßen sind mit Wracks von ausgebrannten Autos, Panzern, Motorrädern, Geschützen und dergleichen übersät. Allerdings ist auf den Hauptverbindungswegen bereits soviel Raum geschaffen worden, dass die Russen sich mit ihren unglaublich zahlreichen Autos und Pferdefuhrwerken durchschlängeln können. Blutjunge Verkehrs-Beamtinnen mit dem Gewehr über der Schulter sind an den Straßenecken in Funktion. Bis jetzt hat man noch keine Zeit gefunden, alle Leichen und Kadaver zu beerdigen. Man ist aber damit in vollem Gange. Um die russischen Gefallenen kümmern sich die Russen selber. Die Deutschen müssen ihre eigenen Toten begraben. Die Berliner müssen aufräumen, Barrikaden entfernen und so fort. Überall sind die ersten russischen Tagesbefehle angeschlagen. Von 22 Uhr abends bis 8 Uhr morgens (russischer Zeit) dürfen sich keine Zivilpersonen auf der Straße zeigen. Radioapparate, Fotoapparate und Waffen müssen abgeliefert werden. Viele Berliner sind ständig unterwegs. Die meisten haben keine Bleibe mehr. Unzählige kampieren unter freiem Himmel in dem mit havariertem Kriegsgerät übersäten Tiergarten. Bei allen Wasserpumpen stehen Menschen in langen Reihen. Hungernde sind auf der Jagd nach etwas Essbarem. Ihr Suchen ist oftmals von Erfolg gekrönt: Sie finden Proviant bei gefallenen Soldaten, in zerschossenen Fahrzeugen, in zerbombten Häusern.

„Der Untergang Berlins", Verlagshaus Christian Wolff, Flensburg/Hamburg 1946, Jacob Kronika, dänischer Journalist (1897-1982), zwischen 1932 und 1945 Korrespondent der dänischen Zeitungen „Nationaltidende" und „Dagens Nyheter" sowie der schwedischen „Svenska Dagbladet". Im nationalsozialistischen Berlin spielte er außerdem eine besondere Rolle, weil er von offizieller Seite als Sprecher der dänischen Volksgruppe in Siidschleswig anerkannt war. Kronika bewegte sich daher ständig zwischen dem Vorwurf der Kollaboration und des Widerstands.

 

 

Berlin vor der Befreiung: 3. Mai 1945
Es riecht nach Soldaten

Von meinem Schreibtisch aus sehe ich nun in lauter grüne Lindenkronen. Darunter augenblicklich Ruhe. Weder deutsche noch russische Soldaten, keine Panzer, keine Flüchtlinge, keine plündernden Hausfrauen, nur hin und wieder vereinzelte Rotarmisten. (Sie gehen stets zu zweit, meist direkt am Rand des Bürgersteigs.) In der Ferne immer noch Geschützdonner. Unsere Hauptsorgen: Erhaltung der Wohnung, Wasser, Licht, Verpflegung. Mit der steht es etwas besser, da wir eine Portion Trockenkartoffeln erwischt haben und zwei Gemüsedosen. Brot geht zu Ende, vielleicht kann man noch einmal backen. Wir haben den größten Teil unserer Briketts aus der Garage geholt. Sachlich gesehen wissen wir immer noch nicht, was los ist. Wo ist Goebbels geblieben, wo Göring? Von wo aus „befiehlt" Dönitz? Wer hat eigentlich für Berlin kapituliert? Wir erfahren gar nichts. Abends Rotarmisten bei uns, beschlagnahmen mein Zimmer. Erst heißt es, acht Mann sollen über Nacht bleiben, schließlich werden es zwölf und mehr. Leider haben sie Alkohol bei sich. Lina muss Tee kochen, Brote schneiden, Heringe ausnehmen. Ich - die "artista" - solle ruhig bei ihnen auf der Kautsch schlafen, sagt einer lachend. Es entwickelt sich ein gespenstisches Lagerleben, alles in Rembrandtschem Helldunkel, da wir die Szenerie nur mit zwei Kerzen beleuchten können, die dauernd hin und her gereicht werden. Die Soldaten verlangen sich zu waschen. Ziehen Mäntel, Mützen, Jacken, Stiefel aus. Gewehre lehnen an der Wand. Im Kerzenschein sitzen diese grenzenlos fremden Menschen um Vaters Schreibtisch und tafeln; Geri und Edith, russisch sprechend, mit ihnen. Es riecht nach Soldaten, Schweiß, Leder, Zigarettenrauch, Schnaps und Heringen. Es riecht so heimatlos.

„Die letzten und die ersten Tage", Verlag Bruno Hessling, Berlin 1966. Karla Höcker (1901-1992), bis 1937 Bratschistin beim Bruinier Quartett, freie Schriftstellerin und Musikjournalistin.

 

 

Berlin vor der Befreiung: 2. Mai 1945
Kriegsende in Berlin

Waffenstillstand. Um 6 Uhr abends soll Waffenstillstand für das ganze Reich geschlossen worden sein. Somit wäre es möglich: Sechs Jahre Krieg sind beendet. Heute ziehen Reste des deutschen Heeres in langen Kolonnen durch Lichtenberg, Gefangene der Russen. Wer das einst so übermütige Heer so verelendet zurückkommen sieht, schaudert. Es ist nicht erlaubt, sich den Soldaten zu nähern, ihnen etwas zuzustecken, falls man etwas zum Zustecken hätte. Langsam richten sich die Überlebenden Berlins auf. Noch sitzen wir in Lichtenberg wie unter einer Glocke. Ohne Radio, ohne Zeitung, ohne Uhren, ohne Verkehrsmittel, ohne Licht, Gas und Elektrizität, vor allem ohne Wasser. Nahrungsmittel-Zuteilung hat seit dem 21. April nicht mehr stattgefunden. In der Nacht zum 30./31. April hat die Stadt so schweren Beschuss bekommen, dass ich wieder Herzschmerzen bekam. In dieser Nacht wird der Stadtkern wohl genommen worden sein. Kriegsende! Nicht zu fassen. Keine Sirene wird mehr heulen, keine Bomben können mehr fallen, und man wird sich langsam daran gewöhnen, wieder ausgezogen ins Bett zu gehen. Die Menschen sind, abgeordnet, dabei, den Schutt von den Bürgersteigen zu räumen, Stein auf Stein zu schichten. Ein leises Aufatmen macht sich bemerkbar. Weitere Arbeit auf der Kartenstelle. Keine Zeit, nach den blühenden Tulpen in den Gärtchen zu sehen. Es wäre auch nicht ratsam. Ich zähle die Tage, bis Gottfried eintreffen wird.

Zitiert nach Angela Martin/Claudia Schoppmann, „Ich fürchte die Menschen mehr als die Bomben“, Metropol Verlag 1996, hrsg. im Auftrag der Berliner Geschichtswerkstatt e.V. Marta Mierendorff (1911-2002) lernte Verkäuferin und arbeitete als Stenotypistin. 1932 besuchte sie die Marxistische Arbeiterschule und lernte den 15 Jahre älteren Gottfried Salomon kennen. Sie schlossen 1939 eine so genannte Untergrundehe, die 1952 nachträglich legalisiert wurde. 1943 wurden Salomon und seine Mutter nach Theresienstadt deportiert, 1941 wurde er in Auschwitz ermordet. Mit ihrer Mutter zog Marta 1943 nach Wriezen. Im Februar 1945 kehrte sie nach Berlin zurück. Nach Kriegsende war sie Mitgründerin des Berliner „Instituts für Kunstsoziologie". 1966 siedelte sie in die USA über.

 

 

Berlin vor der Befreiung: 1. Mai 1945
Flugblätter

Vor dem Bürohaus Speer hat Benz ein Bündel russischer Flugblätter gefunden. Sie sind alt, vom 27. April datiert. Der Text lautet: „Das Schicksal Berlins ist besiegelt. Zehntausende von schweren Geschützen, Salvenbatterien, Tausende von Bombern und Panzern stehen zum Angriff bereit… Eine Kapitulation kann von der verbrecherischen Hitlerbande nicht erwartet werden. Die Nazis geben die Stadt und Bevölkerung gewissenlos der Vernichtung preis. Diese Banditen haben selber nichts zu verlieren. Sie wissen nur zu gut, dass die wohlverdiente Strafe auf sie wartet. Ihr Berliner habt aber keinerlei Grund, Euch vor dem Einmarsch der Roten Armee zu fürchten. Diese Armee führt keinen Krieg gegen eine Zivilbevölkerung. Sie tut auch den einfachen Mitgliedern der NSDAP nichts zuleide, sofern sie sich loyal verhalten. Hierdurch werdet Ihr aufgerufen, den Widerstand gegen die Hitlerbande zu organisieren, die Rote Armee zu unterstützen, Zerstörungen durch das Auslegen von Minen zu verhindern, und so weiter. Hisst überall die weiße Fahne! Passiert die Frontlinie und kommt ruhig herüber in die russischen Stellungen.“ Die Berliner haben es nicht gewagt, in solchem Sinne zu handeln. Sie haben nur gebangt, gehasst, gelitten – und gewartet.
"Der Untergang Berlins", Verlagshaus Christian Wolff, Flensburg/Hamburg 1946, Jacob Kronika, dänischer Journalist (1897-1982), zwischen 1932 und 1945 Berlin-Korrespondent der dänischen Zeitungen „Nationaltidende" und „Dagens Nyheter" sowie der schwedischen „Svenska Dagbladet". Im nationalsozialistischen Berlin spielte er außerdem eine besondere Rolle, weil er von offizieller Seite als Sprecher der dänischen Volksgruppe  in Südschleswig anerkannt war. Kronika bewegte sich daher ständig zwischen dem Vorwurf der Kollaboration und des Widerstands.

 

 

Berlin vor der Befreiung: 30. April 1945
Ohne Mitleid und Mitgefühl

An diesem Tag berichtet die .Prawda" aus Berlin: Berlin ist eingekreist! Es wurde an der Kehle gepackt. Schritt um Schritt, Haus um Haus nähern sich unsere Soldaten dem Zentrum der Stadt. Über die Spree. Zum Reichstag. Zum Tiergarten. Im Nahkampf werden die Häuser, die Bahnhöfe, die Fabriken erobert. Ein unerbittlicher Kampf wird auf den Straßen, in den Gassen, in der Luft und auf und unter der Erde, in der Berliner Untergrundbahn, geführt (Nirgendwo in den unterirdischen Bahnanlagen von Berlin wird gekämpft. Anm. d. Verf.) Berlin wurde gründlich zerstört. Und über dem Ganzen hängen die schwarzen Wolken ... In den Stadtvierteln, in denen gekämpft wird, sind natürlich keine Zivilisten zu sehen. Nur ab und zu werden zaghaft die weißen Fahnen gehisst ... Wir wollen unbedingt die Berliner sehen. Wo sind sie? Wer steckt die weißen Fahnen heraus? In dem Tor eines großen Hauses stehen ältere Frauen, die uns mit Entsetzen betrachten. Was macht ihr da? - "Wir schnappen Luft", geben sie zur Antwort, "wir versuchen Luft zu schnappen." Wie man sieht, gibt es zwei Berlin. Wir konnten uns mit eigenen Augen überzeugen. Das eine auf unseren Kriegskarten, eben dieses da, in dem wir jetzt kämpfen, das von amerikanischen Bomben und sowjetischen Granaten zerstört worden ist; und ein anderes, unterirdisches, ein Höhlenberlin, in dem die Bewohner der Hauptstadt viele Monate lang aus Furcht vor Luftangriffen gehaust haben. Keller. Bunker. Untergrund. Höhlen. Dunkel. Feucht. Stickig. Eng. Wie Heringe im Fass zusammengepfercht, sitzen sie halbgelähmt mit einzogenen Beinen auf dem Hocker und dösen vor sieh hin ... Ältere Bürger und Bürgerinnen, junge Frauen, Kinder, Säuglinge und Omas, die weiterleben wollen. Vor ein paar Monaten (es müsste richtig heißen: vor ein paar Wochen; Anm. d. Verf.) zerstörten die Tommies in diesem Bezirk das Wasserwerk und das Elektrizitätswerk. Nun gibt es kein Licht, kein Wasser, keine Heizung. Wir sind keine herzlosen Menschen, wir müssen gestehen: Wir betrachten dieses Höhlenleben ohne Mitleid und Mitgefühl.

Die Russen in Berlin 1945, Bern und München 1965, Erich Kuby (1910-2005), einer der profiliertesten linken Schriftsteller der BundesrepublikDeutschland, schrieb für" Stern ". "Spiegel ", "Süddeutsche Zeitung" und" Welt ".

 

 

Berlin vor der Befreiung: 29. April 1945
Viele Selbstmorde

Wenn wir vorigen Sonntag gewusst hätten, was uns erwartet! Es war die aufregendste Woche meines Lebens. Vorigen Sonntag hatten wir noch tüchtigen Bombenschaden in der Wohnung. Die deutschen Flieger haben in Friedrichshagen viele Häuser zerstört. Ich glaubte wiedermal, mein letztes Stündlein sei gekommen, als der Kalk von der Decke auf mich prasselte. Wir haben allen Dreck liegen gelassen und sind dann rüber zu R. gegangen zum Schlafen. Als es dunkel war, kamen plötzlich Russen an, ein ganzer Trupp, die wollten Quartier haben und fingen dann in der Wohnung ein Gelage an, während wir zitternd im Keller saßen. An diesem ersten Tag sollen in Friedrichshagen an die hundert Selbstmorde vorgekommen sein. Herr Pastor hat sich, seine Frau und Tochter auch erschossen, weil die Russen in den Keller eingebrochen und sich an das Mädchen gemacht haben. Frau H. hat ihre beiden Söhne erschossen und sich und der Tochter die Schlagader aufgeschnitten, die beiden letzteren sind aber gerettet worden. Unsere Lehrerin, Frl. K. hat sich aufgehängt, die war Nazi. Der Ortsgruppenleiter S. hat sich erschossen und Frau N. vergiftet. Ein Segen, dass es kein Gas gibt, sonst hätte sich noch mancher das Leben genommen; wir wären vielleicht auch tot. Ich war ja so verzweifelt! Ich sah keinen Ausweg mehr, mir war schon klar, dass auch mich so ein Russe noch vornehmen würde. Wir hätten dann später den Keimling entfernen lassen; denn ein Russenkind möchte ich nicht zur Welt bringen! Vorigen Freitag war auf dem Marktplatz abends 7 Uhr eine Ansprache unseres neuen Bürgermeisters Schwarz, eines früheren Kommunisten, der die Hitlerzeit über in Moskau war. Das erste, was er sagte war, Erst sind alle Nazis und auf einmal Kommunisten. Aus der braunen Haut in die rote. Es ist doll. In der K.P.D. ist großer Andrang, alle wollen sich einschreiben lassen. Das ist aber schwer, wenn man vorher nicht drin war. Beim Anstehen ist es interessant, die Gespräche der einfachen Leute zu hören. Da wird aber auf Hitler geschimpft. Einige schimpfen auch schon auf den Bolschewismus. Ich werde mich fernhalten von dem ganzen Parteizauber. Höchstens Sozialdemokrat wie meine Eltern.
Zitiert nach /. Hammer/ S. zur Nieden (Hrsg.): "Sehr selten habe ich geweint", Schweizer Verlagshaus, Zürich 1992. Lieselotte G. (1928), stammte aus Friedrichshagen, wo sie auch das Ende des Krieges erlebte.

 

 

Berlin vor der Befreiung: 28. April 1945
Ein unglaubliches Telefonat

Aus einem Erinnerungsbericht von Roman Karmen, Kameramann und Kriegskorrespondent der Roten Armee, über das Telefongespräch zwischen dem sowjetischen Leutnant Viktor Bojew und Reichspropagandaminister Joseph Goebbels am 28. April 1945

„Wir befinden uns in der Werksiedlung Siemensstadt. In einer verlassenen Wohnung erblicke ich ein Telefon, und mir kam folgender Gedanke: Wenn eine direkte Verbindung mit Berlin besteht, kann jeder faschistische Agent den Hörer abnehmen und dem Verteidigungsstab von Berlin alles über unsere Truppen mitteilen. Er kann telefonisch das Feuer der deutschen Artillerie korrigieren und die deutschen Flugzeuge lenken. Um das zu überprüfen, nahm ich den Hörer ab, und als ich ein Zeichen hatte, wählte ich die erste beliebige Berliner Nummer, die ich dem beim Telefon liegenden Telefonbuch entnommen hatte. Eine Frauenstimme antwortete mir, und ich legte den Hörer auf. Die Telefonverbindung zum Zentrum von Berlin existierte also noch. "Wie wäre es, wenn man versucht, Goebbels an den Apparat zu bekommen?" - kam mir plötzlich der verwegene Gedanke, und ich sprach mit meinen Panzerkameraden darüber. Der Vorschlag wurde belustigt gebilligt und unser Dolmetscher realisierte diesen Plan. Viktor Bojew sprach fließend deutsch. Wie sollte man Goebbels aber anrufen? Wir benutzten das gleiche Telefonbuch und wählten die Nummer der Berliner Auskunft - Schnellvermittlung. Es meldete sich die Telefonistin, und wir sagten ihr, dass wir in einer sehr dringenden und äußerst wichtigen Angelegenheit unbedingt mit Dr. Goebbels verbunden werden müssten. - Wer wünscht ihn zu sprechen? - fragte sie. - Ein Einwohner von Berlin. - Warten Sie am Apparat. 15 Minuten später teilte uns die gleiche Stimme mit, dass wir jetzt mit dem Arbeitszimmer des Reichsministers für Propaganda Dr. Goebbels verbunden werden. Jetzt fragte uns bereits eine männliche Stimme, wer mit Goebbels sprechen will. Diesmal sagte Viktor Bojew: Ein russischer Offizier möchte ihn sprechen. Wer ist am Apparat? - Ich verbinde Sie mit Dr. Goebbels, - war die letzte Antwort. Es knackte im Telefon, und eine
neue Männerstimme sagte: Hallo. Das weitere Gespräch übermittele ich mit fast stenographischer Genauigkeit. Dolmetscher Viktor Bojew: Wer ist am Apparat? Antwort. Reichspropagandaminister Dr. Goebbels. Bojew: Mit Ihnen spricht ein russischer Offizier. Ich würde Ihnen gern ein paar Fragen stellen. Goebbels: Bitte sehr. Bojew: Wie lange können und wie lange wollen Sie noch um Berlin weiterkämpfen? Goebbels: Einige - (mehr verstand Bojew nicht). Bojew: Wie, einige Wochen? Goebbels: 0 nein, Monate. Bojew: Noch eine Frage: Wann und in welcher Richtung gedenken Sie aus Berlin zu fliehen? Goebbels: Diese Frage betrachte ich als frech und unangebracht. Bojew: Vergessen Sie nicht, Herr Goebbels, dass wir Sie überall finden werden, wo Sie auch hinfliehen, und einen Galgen für Sie haben wir auch schon vorbereitet. Als Antwort vernahm man im Hörer so etwas wie ein Brüllen. Bojew: Haben Sie noch eine Frage an mich? - Nein! lautete die erboste Antwort, und der Hörer wurde aufgelegt.“

Posledni schturm, Hrsg. v. K. F. Telegin, Moskau 1965, S.248f[. Das Protokoll wurde unmittelbar nach dem Telefonat angefertigt. Auszug aus dem Buch „Die Befreiung Berlins, VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1985

 

 

Berlin vor der Befreiung: 27. April 1945
Zwischen den Fronten

Gegen 6 Uhr begann dann das Knallen ganz in der Nähe, wohl Geschützfeuer und dazwischen MG-Geknatter, aber nichts aus der Luft. Keine Flugzeuge. Ich schätzte nach Klang und Richtung, dass die MGs am Kaiserdamm seien. Es zog mich, die Sache zu besichtigen. Aber im Bett war's weich und warm, und so blieb ich liegen. Als ich dann aufstand, war heftiger Artilleriebeschuss, und ich fand, es wäre peinlich, wenn's einen gerade beim Waschen träfe. Da es seit gestern kein Wasser mehr gibt, zog ich mit einem Eimer los; fand die Straße voller Glassplitter, Ziegelbrocken und abgebrochene Baumäste, fand den Bäcker geschlossen und ging dann mit meinem Eimer zum See in den Park. Leider ist das Wasser recht dreckig, grünlich, aber fürs Klo und die Blumen, eventuell auch zum Waschen, geht es. Der Park war ganz leer, aber die Reste des gestrigen Soldatenlagers lagen verstreut umher, - auch ein kleines Soldatengrab mit Holzkreuz und Fliederstrauß, gefallen am 25. 4. - Auf dem Weg in den Park traf ich einen müden Soldaten von einem Baubataillon, der mich nach dem Weg fragte. Er sollte sich am Opernhaus (Charlottenburg) sammeln; die ganze Gruppe war versprengt. Aus dem Weggespräch entnahm ich, dass die Russen wirklich am Kaiserdamm sind. So liegen wir also zwischen einer Zufahrtstraße (Kaiserdamm), die teils in russischer Hand ist, und einer in deutscher Hand Kantstraße) und haben den Artilleriebeschuss von zwei Seiten. Die Vorderfront wird deutsch bedacht, die Rückseite russisch.
Aus: " Tage des Überlebens", Berlin 1945, R. Piper & Co Verlag, München 1968, Margret Boveri (1900-1975) war bis 1937 außenpolitische Redakteurin des "Berliner Tageblatts", 1937-43 Auslandskorrespondentin der" Frankfurter Zeitung" in Stockholm, New York und Lissabon. Boveri war 1944-45 freie Publizistin in Berlin für "Das Reich", schrieb dort noch in Nr. 121 am 2.4.1945: "Ein Feind Deutschlands Zum Tode von Franklin Delano Roosevelt".

 

 

Berlin vor der Befreiung: 26. April 1945
Groteske Szene

Unwirklicher Abend bei Gründgens: kleiner, fest verrammelter Souterrainraum, Kerzenbeleuchtung, Sekt. Ein paar Stunden ist es, als wäre der Krieg ferner gerückt. Diskussionen um das, was kommen wird. Scrullo sagt etwas Merkwürdiges, etwas, das uns alle angeht. Er sagt: "Es war unser Schicksal, immer "dagegen" sein zu müssen, und wir wären doch so begabt gewesen, "dafür" zu sein." Er meint damit: für Menschlichkeit, für geistige Freiheit hätte ich mich begeistern können. Für manches andere noch. "Für das hier - ? Neeee!" Geri sagt: "Man wird eine neue Lebensform finden, gerade wir, die Erfolg hatten, können auf äußere Glücksmöglichkeiten verzichten. Beruf, Kunst - wir haben das alles gelebt, uns bis zu einem gewissen Grade erfüllt." Später eine groteske Szene in der Küche. Gründgens holt Ölsardinen, Wiener Würstchen in Dosen, Weitkamp schneidet Brot. Es gibt selbstgemachte Leberpastete und wir tafeln, von Kerzen sanft beleuchtet, gefräßig und glücklich am Küchentisch, als wäre das die Erfüllung dieses merkwürdigen Tags. Scrullo stürzt sich auf die Ölsardinen; sein breites, jungenhaftes Gesicht mit den vorgebauten Backenknochen leuchtet gesund und rot zwischen Geris blassem, durchgebildeten Kopf und den merkwürdig wechselnden Zügen von Gründgens. Dazwischen dauernd Detonationen, Einschläge, etc. Edith sieht mich, etwas blass, an und ich sage dann "Flak" oder "eigener Abschuss" - als wüsste ich Bescheid. Im Grunde weiß nämlich niemand, wie wir bei anderer Gelegenheit merken, auch die Truppe nicht, wo und wann etwas schießt. Später siedeln wir in den fensterlosen Mittelraum um - eigentlich ist es ein Treppenflur, von dem aus man in die Wohnung gelangen kann. Hier wirkt alles wie eine Theaterinszenierung.

"Die letzten und die ersten Tage", Verlag Bruno Hessling, Berlin 1966 Karla Höcker (1901-1992), bis 1937 Bratschistin beim Brunier-Quartett, freie Schriftstellerin und Musikjournalistin

 

 

Berlin vor der Befreiung: 25. April 1945
Chaos

Furchtbare Stunden liegen hinter uns. Die Zeitungsberichte haben also nicht gelogen, ich musste mich leider davon überzeugen. Die Wirklichkeit ist so furchtbar, dass ich mit vielen anderen gestern daran war, mir das Leben zu nehmen. Nur der Gedanke an Gottfried, der so tapfer ausgehalten hat und mich wiederfinden muss, hat mir noch etwas Kraft zum Abwarten gegeben. Die unmenschlichen physischen Belastungen - 92 Stunden ununterbrochen im fast finsteren stickigen Keller in fürchterlicher Enge mit fast 70 zitternden Menschen zusammengepfercht - haben meine Gesundheit so angegriffen, dass ich vor den kommenden Tagen Angst habe. Zusammen mit dem körperlichen Übelbefinden sinkt die geistige Durchhaltekraft. Ich hoffe ja immer noch, dass den Horden irgendein Ordnungszustand folgen wird. Es ist ein seltsames Gefühl, im eigenen Lande nicht mehr Herr zu sein, sondern jeder Willkür ohne Ordnungs- und Rechtshüter preisgegeben. Jetzt ist Chaos, wo vorher noch ordnender Zwang war. Später. Eben war ich nach einigen Tagen zum ersten Male wieder auf der Straße. In allen Kellern soll es nicht gleich gewesen sein. Es war eben Pech. Allenthalben sind die Kommissare eingetroffen. Russische Polizei soll auch kommen. Die Kommissare sprechen deutsch und sind höflich. Gut, dass ich mir das Leben nicht vorzeitig genommen habe. Es
scheint, als käme bald ein Ordnungszustand. Aus vielen Fenstern hängen bereits rote Fahnen, und die geknechteten Meinungen wagen sich hervor. Ich möchte aufatmen und mich des Anfangs einer Freiheit freuen, aber noch wag ich es nicht. Heute bin ich leidlich gewaschen, habe frische Luft geschöpft und mich sogar auf den Balkon gewagt, obwohl es allenthalben noch immer kracht und tost. In der Umgebung scheint noch gekämpft zu werden. Ich denke an alle Freunde. Wie mögen sie es überstanden haben? So ernst und unangenehm die Szenen im Keller waren, so entbehrten sie doch nicht der Komik. Als zum Beispiel unsere dicke Nachbarin vom Lande von einem Russen gepackt wurde und absolut nicht wollend - schreiend durch den Luftschutzraum rannte, rief ihr Mann ihr zu:» Nu mach' doch schon, davon wirste ja nicht sterben.« Meine Mutter opferte sich an meiner Stelle. Zum Glück hatte sie in der vergangenen Nacht auf meinen Rat hin noch van de Velde gelesen, so dass sie in schwieriger Situation wenigstens nicht bevorstehenden Lustmord fürchtete. Aber sie ist übel zugerichtet, sehr übel. Noch immer hocken die Mieter im Luftschutzraum. Einige profilierte Nazis baten mich, sie jetzt nicht zu verraten. Sie hätten wohl gewusst, wer in meiner Wohnung ein- und ausging und mich nicht angezeigt. Natürlich gab ich sie nicht preis. Einige Frauen hatten sich das Leben genommen, zum Teil mit ihren Kindern. Wo ich nur so plötzlich wieder Hoffnung hernehme? Gottfried, wenn ich Dich wiedersähe, dann hätten sich alle ertragenen Stunden gelohnt und ich ertrüge noch mehr. Während wir im Keller saßen, ist die Baumblüte vorüber. Das ist mir ein großer Gram. Die Kirschen blühen und duften ja nur einmal im Jahr. Ich kann es noch nicht fassen, dass ich nun wieder ungehindert Tagebuch schreiben darf. Was ich denke. Zwölf Jahre lang durfte ich das nicht. Zwölf Jahre. Viele Konzentrationslager sind frei. Die Berichte sind furchtbar. Was wird die Welt noch zu hören bekommen von dem, was an Unrecht geschehen ist. Wie mag diesen Befreiten zumute sein. Gottfried. Lebst Du? Werden wir uns bald sehen?

Marta Mierendorff, zitiert nach Angela Martin/Claudia Schoppmann, .Jch fürchte die Menschen mehr als die Bomben ", Metropol Verlag 1996, hrsg. im Auftrag der Berliner Geschichtswerkstatt e. V.

 

 

Berlin vor der Befreiung: 24. April 1945
Hinter den Toten

Das Reichssportfeld soll zurückerobert werden. Verstärkungen sind aus den Deutschen Werken und den Stützpunkten ringsum herbeigeeilt. Alles Hitlerjungen von 10 bis 14 Jahren, die noch nicht in die Uniform des Volkssturms oder der Wehrmacht gesteckt waren, sind in Spandau und Ruhleben aus den Häusern geholt worden. Es sind fast zweitausend Hitlerjungen und tausend Soldaten. Punkt 10 Uhr soll der Gegenangriff losbrechen. Von der U-Bahnstation aus haben sich ebenfalls zwei Kampfgruppen in der Richtung auf das Reichssportfeld vorgekämpft und können bis zu diesem Zeitpunkt in der Höhe des Stadions sein. Es ist kurz vor zehn. Vor der Kaserne schießen plötzlich ein paar Granatwerfer auf das Reichssportfeld. Punkt zehn erheben wir uns aus den Gräben und stürmen vor. Rasendes Infanteriefeuer schlägt uns entgegen. An der Böschung sind wir einen Augenblick gedeckt. Hinter den Häusern stecken Russen, die eilig vor uns herflüchten und in ihr eigenes Feuer laufen. Dann sind wir auch schon oben, und das Reichssportfeld liegt vor uns. Von links tönt ebenfalls Kampflärm herüber. Dort laufen sie schon über das Feld. Der Gegner zieht sich in Richtung nach der Heerstraße zurück. Langsam, Schritt für Schritt. Fächerartig sind die Truppen über das Feld verstreut und gehen vor. Zwischen den Soldaten laufen die Hitlerjungen und suchen ihre Waffen zu benutzen. Da rasen plötzlich aus den Sportler-Häusern MG-Salven und mähen die Reihen nieder. Immer mehr stürzen zu Boden. Wir legen uns hinter die Toten und eröffnen das Feuer.
Helmut Altner zitiert nach: Burkert/Matuschek/Oberschernitzki, "Zerstört Besiegt Befreit", Edition Hentrich, Frölich & Kaufmann, Berlin 1985. Der Autor war 1945 Hitlerjunge.

 

 

Berlin vor der Befreiung: 23. April 1945
Vergewaltiger werden erschossen

Die Artillerie war längst nicht so schlimm wie die Bomben. Als wir feststellten, dass gewisse Teile der Stadt besetzt, dazwischen liegende Streifen aber noch „frei“ waren, dachten wir: „Die Russen scheinen keinen Stadtplan zu haben.“ Ich sprach mit einem Soldaten, der behauptete, Hitler selbst mit einer Panzerfaust in der Zoogegend gesehen zu haben. Die Soldaten in unserer Straße am Lietzensee kochten sich Grießbrei und schütteten einen Eimer Marmelade und paketweise Butter hinein. Es entstand ein fetter rosa Stampf. Brot hatten sie nicht. Sie hatten ihre mit Blütenzweigen geschmückten Panzer abgestellt. Junge Mädchen, die die Gelegenheit ergriffen hatten, ließen sich Bescheinigungen ausstellen, dass im Falle eines Falles der und der der Vater sei. Im nahen Park gab es Soldatengräber, in der Kantstraße hingen schon weiße Fahnen. Ich kam dorthin, weil „unser“ Brunnen versiegt war". Wir begannen, Panzersperren, Gräben usw. zu beseitigen. Die vorhandenen Lebensmittel wurden zusammengetragen und rationiert. Um unsere Vorräte zu erweitern, erhielten einige der Männer den Auftrag, die angeschossenen Pferde einzufangen und zu schlachten. Ich konnte im Haus des Ortsgruppenleiters ein Lazarett für die verwundeten Soldaten und Zivilisten einrichten, wie es schon im Gemeindehaus geschehen war. Ein spanischer Arzt, der in einem Krankenhaus gearbeitet hatte und dageblieben war, hat seine Arbeitskraft unermüdlich zur Verfügung gestellt. Wir mussten bald das Gemeindehaus zum Militärlazarett machen, während im Haus des Ortsgruppenleiters eine Entbindungsstation eingerichtet werden konnte. Dort konnten auch die Frauen, die vergewaltigt worden, sofort behandelt werden. Leider nahmen diese Übergriffe zu, dass ich die sowjetischen Kommandanten um Hilfe bat. Man versprach mir, die beschuldigten Soldaten zu bestrafen, wenn ihre Namen bekannt seien, was ja meistens nicht der Fall war. Allerdings konnten wir erleben, dass Offiziere die Soldaten, die tatsächlich bekannt wurden, erschossen haben.

Die Russen in Berlin 1945, Bern und München 1965. Erich Kuby (1910-2005), einer der profiliertesten linken Schriftsteller der Bundesrepublik Deutschland, schrieb für „Stern“, „Spiegel“, „Süddeutsche Zeitung“ und „Welt“. Wehrmachtssoldat und „Nestbeschmutzer von Rang“, wie ihn einst der Schriftsteller Heinrich Böll nannte.

 

 

Berlin vor der Befreiung: 22. April 1945
Entkommen

Mit einem glücklichen Lächeln empfing ich den ersten russischen Soldaten, der sich in unsere Siedlung traute. Ich versuchte ein Gespräch, während er so dastand und mich anstarrte. Das klappte nicht. Er starrte mich nur an, ohne den Mund zu öffnen. Neugierig guckte er schließlich in unseren Ziegenstall. Ich bot ihm etwas zu trinken an. Er lehnte ab. Er stand nur da und starrte mich an. Ich hatte nicht die geringsten Bedenken. Am Nachmittag wagten sich andere russische Soldaten heran. Ich suchte jemanden, der meine Freude mit mir teilte. Plötzlich trat einer von ihnen vor, riss mich am Mantel und sagte nur: „Komm, Frau, komm." Von irgendwoher hörte ich Schreie: „Sie vergewaltigen! Sie stehlen! Helft uns!" Ich riss mich los. Ich begann zu rennen. Völlig außer Atem kam ich zu meiner Mutter. „Es ist also doch wahr“, sagte sie und fügte schnell hinzu, „wir müssen ihm unsere jüdische Kennkarte zeigen“, die wir im Ziegenstall „für den Tag danach" versteckt hielten, „sie werden verstehen“. Sie verstanden gar 'nichts. Sie konnten die Kennkarten noch nicht einmal lesen. An jenem Tag sprang ich noch viele Male über Hecken und Gräben, kroch durch Büsche und suchte Verstecke. Als es Abend wurde, beschlossen wir, zu unserer Wirtin ins Haus zu gehen. Die alte weißhaarige Frau würde sie vielleicht von uns abhalten. Es war kaum dunkel, da hörten wir, wie sie mit Gewehrkolben an die Türen schlugen, Frauen, die schrien, Schüsse. Sie kamen auch zu uns. Mit einer Pistole in der Hand trieb mich einer vor sich her. Meine Mutter warf sich dazwischen. Ich schrie und entkam irgendwie im Schutz der Dunkelheit. Es wurde eine schlimme Nacht. Es war klar. ich musste mich verstecken - wieder verstecken.

Zitiert aus: lnge Deutschkron, „Ich trug den gelben Stern", München 1978. Die Autorin ist Schriftstellerin und Journalistin, erhielt 1995 den Moses-Mendelssohn-Preis des Landes Berlin



Berlin vor der Befreiung: 21. April 1945
Die Leute glauben alles

Am Samstag: kein Strom, kein Telefon, und als Zeitung mit Mühe ergattert nur ein "12 Uhr Blatt", aus dem ich ersah, dass wir alle kämpfen, und dass ich hingerichtet werde, wenn ich Gas verbrauche. Nachmittags kam Herr Mietusch (ein Stock unter mir), der seit Freitag aktiv beim Volkssturm war, und sagte, Goebbels habe nochmals eine Rede gehalten; heute abend ab 8 Uhr sei Artilleriebeschuss; man müsse in den Keller gehen, Lebensmittel mitnehmen, da man vielleicht über Nacht bleiben müsse. Dasselbe sagte auch der Luftschutzwart, der Anordnungen treffen kann. Es war übrigens auch schon den ganzen Tag in der Ferne Artillerie zu hören gewesen. Ich sagte: Das ist doch Unsinn. Woher will der Goebbels wissen, wann die Russen schießen; außerdem geht es noch nicht gerade in die Wundtstraße; ich gehe erst in den Keller, wenn der erste Schuss in meine Wohnung gefallen ist. Aber die Leute glauben alles, folgen wie die Hammel und denken überhaupt nicht daran, sich die Möglichkeiten vernünftig zu überlegen. Der Keller war in dieser Nacht überfüllt. Ich war gemütlich in meinem Bett. Die übrige Wohnung war nicht verdunkelt, da doch kein Licht war; bei den hellen Nächten findet man sich ganz schön zurecht. Mein Bett war in den letzten Nächten wie ein kleiner Haushalt; alles, was ich im Fall eines Angriffs schnell anziehen wollte, lag griffbereit, rechts auf einem Hocker das Radio, links Nachttisch mit Kerze und die Biographie von Peake-Pasha, die ich grad lese.
Die Journalistin Margret Boveri (1900-1975) arbeitete fiir die Zeitung „Das Reich", schrieb dort noch am 22.4.45 "Ein Feind Deutschlands - Zum Tode Roosevelts".

 

 

Berlin vor der Befreiung: 21. April 1945
Schlacht um Berlin

Im Keller.

Rede eines Wahnsinnigen (Goebbels) zum 20. April 1945:

»Nein, das deutsche Volk hat ihn geboren, es hat ihn auf den Schild erhoben, es hat ihn sich in freier Wahl zum Führer erkoren, es kennt seine Werke des Friedens, und es ist nun gewillt, seine ihm aufgezwungenen Werke des Krieges bis zum erfolgreichen Ende zu tragen und durchzuführen. Deutschland wird nach diesem Kriege in wenigen Jahren aufblühen wie nie zuvor. Seine zerstörten Landschaften und Provinzen werden mit neuen, schöneren Städten und Dörfern bebaut werden, in denen glückliche Menschen wohnen. Ganz Europa wird an diesem Aufschwung teilnehmen. Wir werden wieder Freund sein mit allen Völkern, die guten Willens sind, werden mit ihnen zusammen die schweren Wunden, die das edle Antlitz unseres Kontinents entstellen, zum Vernarben bringen. Aufreichen Getreidefeldern wird das tägliche Brot wachsen, das den Hunger der Millionen stillt, die heute darben und leiden. Es wird Arbeit in Hülle und Fülle geben, und aus ihr wird als der tiefsten Quelle menschlichen Glücks Segen und Kraft für alle entspringen. Das Chaos wird gebändigt werden.«
Schlacht um Berlin.
Welch närrisches Unterfangen, noch Tagebuch zu schreiben, während draußen Schlachtflieger kämpfen, schwerste Geschütze donnern und die Artillerie zum Gotterbarmen heult und kracht. Die gefürchtete und lang erwartete Stunde ist gekommen. Wir sind aus der lädierten Wohnung in den Keller gezogen und haben das süße Tageslicht mit dem Kellerdunkel vertauscht. Die Gärtchen in ihrem Blütenschmuck sind lieblicher denn je, sie locken hinaus. Aber die Geschosse pfeifen durch die Luft, und jeder Schritt aus dem Keller ist ein Wagnis. Die Russen rücken auf breiter Front an und erreichen Lichtenberg am Stadtrand zuerst. Nun furchtet die Bevölkerung, vielleicht von der deutschen Wehrmacht aus den so mühsam hergerichteten Kellern in fremde Stadtteile vertrieben zu werden, wo das Unheil doch käme, nur einige Stunden später. Wir wollen alle in unseren Kellern bleiben, denn je schneller man das Schreckliche hinter sich hat, um so besser. Das, was so unvorstellbar war, geschieht nun. Meine Mutter und ich liegen im privaten Keller, abseits vom Luftschutzgemeinschaftsraum, auf unseren Matratzen. Draußen tobt die Schlacht. Die Luft ist muffig, kalt und feucht. Die undisziplinierten Hausbewohner gleichen angegriffenen Ameisen, sind aber leider nicht stumm. Das sinnlose Gerede greift mehr an als das übrige. Schlimme Tage stehen bevor. Am meisten gefurchtet sind die Bombenangriffe. Im Verhältnis dazu ist die Artillerie ertragbar. Wann werden wir die ersten Russen sehen? Wie werden sie mit der Bevölkerung verfahren? Human sicherlich nicht, aber wahrscheinlich nicht anders als andere Siegertruppen auch. Strom, Gas, Wasser sind gänzlich gesperrt. Somit ist auch das Radio tot, es gibt keine Nachrichtensendungen. Allerdings sagt die näherkommende Schlacht mehr als Worte. Selbst unter Beschuss wurde heute durch Anstehen in der Nachbarschaft noch alles auf Marken Erwerbbare gekauft. Nun bleibt nichts, als der Dinge zu harren, die da kommen.

Marta Mierendorff, zitiert nach Angela Martin/Claudia Schoppmann. .Jch fürchte die Menschen mehr als die Bomben", Metropol Verlag 1996, hrsg. im Auftrag der Berliner Geschichtswerkstatt e. V.

 

 

Berlin vor der Befreiung: 20. April 1945
Geburtstagsfeier im Bunker

Am 20. April, Hitlers 56. Geburtstag, stoßen die Russen in der Lausitz weiter nach Nordwesten vor und erreichen in den Abendstunden bereits den Spreewald. General Krebs schickt daraufhin die »Begleitschwadron«, die letzte persönliche Kampfreserve des Chefs des Generalstabes, die aus einer verstärkten, gut ausgerüsteten motorisierten Aufklärungsschwadron mit etwa 250 Mann besteht, dem Feind nach Luckau, etwa 40 Kilometer südlich unseres Hauptquartiers, entgegen. Bald darauf erreicht uns eine weit folgenschwerere Nachricht: Der Russe ist nördlich Berlins über Eberswalde vorgestoßen und hat Oranienburg erreicht. Bei diesem schnellen Vorstoß handelt es sich um denselben, der am Vortage nur als Durchbruch von 150 russischen Panzern erkannt und gemeldet wurde. Marschall Schukows Panzerkorps hatten hier die entscheidende Bresche geschlagen. In der Reichskanzlei fand derweilen die Gratulationscour statt. An diesem Geburtstag Hitlers waren noch einmal fast alle seine alten Kampfgefährten erschienen: Göring, Goebbels, Himmler, Bormann, Speer und andere sowie die Spitzen der drei Wehrmachtteile. Der Tag verlief anfangs recht ruhig und ausgeglichen, aber dann bestürmten ihn doch alle, Berlin zu verlassen und mit seinem Stab und Hauptquartier, außer Goebbels, der ja Gauleiter und Verteidigungskommissar von Berlin war, nach Oberbayern zu übersiedeln. Aber Hitler war unschlüssig. Das einzige, dem er für den Fall zustimmte, dass Deutschland durch die Begegnung der Amerikaner und Russen in zwei Hälften geteilt würde, war, dass der Großadmiral Dönitz im dann selbständigen nördlichen Teil des Reiches die Regierungsgeschäfte leiten sollte. Da er für den südlichen Teil des Reiches keine Persönlichkeit namhaft machte, muss angenommen werden, dass er zu diesem Zeitpunkt noch mit dem Gedanken spielte, selber in den Süden des Reiches zu gehen. Himmler sollte mit seinem Stab, ebenso wie das Außenministerium, zu Dönitz in den Norden des Reiches gehen, Göring hingegen in den Südteil.

Gerhard Boldt, Hitler – Die letzten zehn Tage in der Reichskanzlei, München 1976. Gerhard Boldt (1918-1981), befand sich als Rittmeister bis zum 29. April 1945 zumsammen mit Adolf Hitler im Führerbunker. Danach setzte er sich nach Westen ab und ging in britische Kriegsgefangenschaft.



Berlin vor der Befreiung: 19. April 1945

Per Bus zur Front

Die Schlacht an der Oder ist in ihr kritisches Stadium getreten. Der Minister und wir alle in seiner unmittelbaren Umgebung erleben diese Tage in höchster Nervenanspannung. Der Minister steht in ständiger Telefonverbindung mit General Busse. Er hat ihm jede nur mögliche Unterstützung zugesagt und hilft, wo er kann. So benötigt Busse zum Beispiel dringend einige in Berlin für ihn bereitstehende Marschbataillone. Der Eisenbahntransport würde auf den unter pausenlosen Schlachtfliegerangriffen liegenden Eisenbahnstrecken viel zu lange dauern. Der Minister lässt daher sofort eine Kolonne aus Berliner Omnibussen und anderen städtischen Fahrzeugen zusammenstellen, und schon wenige Stunden später sind die benötigten Soldaten am Einsatzort.
Wilfried von Oven, aus: Peter Gosztony; „Der Kampf um Berlin ", Düsseldorf 1970. Oven war Pressereferent von Josef Goebbels

 

 

Berlin vor der Befreiung: 18. April 1945
Alle haben Hunger

Heute war beim Bäcker ein alter, schwacher Mann aus dem Altersheim, der um eine Schrippe bat; er hatte solchen Hunger und keine Marke. Er hat so lange gebettelt, aber er hat nichts bekommen. Ich hatte leider keine Schrippenmarken mit. Hier hat jetzt jeder Hunger. Alle Leute haben schon für mehrere Wochen voraus Brot gekauft. Heute bin ich vom Kanonendonner geweckt worden, die Russen schießen schon ziemlich nah; Bertel ist nun sicher schon im Kampf. Es ist furchtbar. Aber ich glaube kaum, dss wir hier noch lebend heraus kommen. Da kriegen wir Bomben u. Artillerie. Es ist so seltsam, man kann jeden Tag sterben. „Trifft's heute nicht, trifft es doch morgen u. trifft es morgen, so lasset uns heut noch schlürfen die Neige der köstlichen Zeit!"-Ich wäre schon bereit zu sterben, nur habe ich Angst vor dem Todesgrauen im Keller. - Für Bertel fürchte ich nur, weil es für Mutti so schrecklich wäre. Ich selbst würde bereit sein, ihn zu opfern. Frau L. hat ja auch ihr Lebensglück geopfert.

Lieselotte G., zitiert nach I. Hammer/S. zur Nieden (Hrsg.), "Sehr selten habe ich geweint". Zürich 1992

 

 

Berlin vor der Befreiung: 17. April 1945
Frühlingsidylle und Tod
(Bericht aus Lietzen, 70 km östlich von Berlin. Der Angriff auf Berlin hat begonnen)

Die Sonne hat die letzten Schatten der Nacht verscheucht und zieht strahlend ihre Bahn. Tiefflieger streichen über die Linien und rattern mit ihren Bordkanonen, lassen keine Ruhe. Der Leutnant kommt durch den Graben. Er fragt, ob wir etwa Angst haben. Angst wohl nicht, aber ein beklemmendes Gefühl im Magen. Mit Bayer gehe ich dann noch einmal zum Gefechtsstand. Der Unteroffizier hat noch italienische MP’s da. Ich habe so ein Ding noch nie in der Hand gehabt. Aber ich sage, ich kenne sie. Mit zwei MP’s ziehe ich dann los. Bayer hat eine MPi und ein Gewehr 42. Als ich zu den Wiesen hinab gehe, versuche ich wie sie schießt. Es will nicht klappen, immer klemmt die Patrone. Bis plötzlich ein Schuss losgeht. Nun bin ich vorsichtig. Als ich unter den alten Bäumen bin, dröhnt es plötzlich. Ganz nah. Schnell werfe ich mich zu Boden. Orgelnd steigt ein Kohlenkasten in die Luft. Das Eisenbahngeschütz feuert. Alle 6 Minuten dröhnt ein Abschuss, orgelt die Granate zum Gegner. Über den Wiesen liegt die Sonne. Ich gehe über den schmalen Steg. Das Wasser umspült den Sand. Plötzlich ziehen Tiefflieger über den Hügel. Ich bleibe stehen und bin gefasst. Soll kommen, was kommen muss.

Helmut Altner, Totentanz Berlin. Kommentiert und illustriert von Tony Le Tissier, Berlin (Berlin Story Verlag) 2009. Die Erstveröffentlichung als Buch erfolgte nach Überprüfung durch die US-Militärregierung im Frühjahr 1948 von einem Verlag in Offenbach unter dem Titel „Totentanz Berlin“. Helmut Altner wurde zwei Tage nach seinem 17. Geburtstag zum Wehrdienst eingezogen, um in den letzten Wochen des Dritten Reiches an der Oderfront und in Berlin zu kämpfen. Am Abend des 3. Mai wurde er in Brandenburg verwundet und geriet in sowjetische Gefangenschaft. Nach seiner Rückkehr Ende 1946 führte er die auf wenigen Aufzeichnungen beruhenden Tagebuch-
berichte aus, so dass sie, wie oben beschrieben, im Frühjahr 1948 veröffentlicht wurden. Mit dem Honorar konnte der Autor nach Frankreich auswandern und sich in Paris eine neue Existenz als Journalist aufbauen.

 

 

Berlin vor der Befreiung: 16. April 1945
Die Wende naht. Sie steht in Widerspruch zu dem sich neu regenden Leben.

Ich sitze auf dem Friedhof im jungen Grün. Die Sonne scheint. Ich höre das Donnern der Artillerie. Die Schlachtflieger brausen über mir. Ab und zu schießen die Russen mit Bordwaffen. Eine neue »Offensive Oder/Berlin« hat begonnen. In wenigen Tagen werden sich Russen und Amerikaner an der Eibe treffen, um dann gemeinsam gegen Berlin zu drücken. Die Alarme dauern jeden Abend länger. Es wird jede Nacht zwei Uhr, bis ich ins Bett falle. Der Luftschutzkeller ist anstrengend, weil sich das Volk seiner Dummheit entsprechend gehenlässt. Angesichts des Todes noch Niedertracht und Inferiorität. Keine verwandte Seele in der Nähe zu wissen ist aufreibend. Zahlreiche Bomben sind rund um mein Haus Berlin-Lichtenberg, Gernotstraße 37, gefallen. Obdachlosigkeit und Tod stehen jeden Tag bevor. Kein Mensch vermag, sich den Kampf in und um Berlin vorzustellen. Wenn ich durch die Straßen gehe und die Kinder in den Trümmern spielen sehe, die Kranken und die Alten, die vielen Ausländer und vergrämten gequälten Männer und Frauen, so kann ich mir einfach nicht vorstellen, dass alle diese Menschen elend umkommen sollen. Jeder hofft, am Leben zu bleiben. Dabei ist es sicher, dass schon jetzt Tausende und Abertausende vom Tode gezeichnet sind. Aber sie wissen es nicht und hoffen weiter, obwohl alle wissen, dass Hoffen Narretei ist.
Marta Mierendorff (1911-2002) lernte Verkäuferin und arbeitete als Stenotypistin. 1932 besuchte sie die Marxistische Arbeiterschule und lernte den 15 Jahre älteren Gottfried Solomon kennen. Sie schlossen 1939 eine so genannte Untergrundehe. die 1952 nachträglich legalisiert wurde. 1943 wurden Salomon und seine Mutter nach Theresienstadt deportiert. 1943 wurde er in Auschwitz ermordet. Mit ihrer Mutter zog Marta 1943 nach Wriezen Im Februar 1945 kehrte sie nach Berlin zurück. Nach Kriegsende war sie Mitgründerin des Berliner "Instituts für Kunstsoziologie". I966 siedelte sie in die USA über. Zitiert nach Angela Martin/Claudia Schoppmann, "Ich fürchte die Menschen mehr als die Bomben", Metropol Verlag 1996. hrsg. im Auftrag der Berliner Geschichtswerkstall e.V.

 

 

Berlin vor der Befreiung: 15. April 1945
„Verzage nicht, du Häuflein klein“

Wir haben das mit dem Abschied heute noch gemacht, denn jeder Tag zählt jetzt. Frau Koser hat gehört, dass Luftlandetruppen über der Stadt abgesprungen sind, aber Oles Vater sagt, das sei Spinne. Der sieht übrigens zum Schreien aus in seinen viel zu weiten braunen Volkssturmklamotten! Leider ist seine Laune sehr schlecht, weil er eine verrenkte Schulter hat. Die hat er sich bei Schießübungen mit der Panzerfaust geholt. Das ist eine Art Schulterkanone. Sie ruckt beim Abfeuern so stark zurück, dass man fast hintenüberfällt. Ole musste bei den Übungen zuschauen, damit er auch schon was lernt. Außerdem soll er am Freitag zu einem Empfang bei Führers Geburtstagsfeier mit dabei sein. Dort erhalten die Jüngsten, die beim Volkssturm mitkämpfen und Panzerfäuste abschießen können, einen Orden. Wir haben beim Abschied nur so rumgesessen und noch ein paar Lebensmittel ausgetauscht. Marianne brachte uns eine Flasche Lebertran. Früher hab ich das Zeug ausgespuckt, heute braten wir damit! Oma hatte - o Wunder - noch ein paar Zigaretten für Oles Vater. Er gab uns eine Tüte Grieß für Antje. Von uns bekamen alle weiße Bohnen mit, und unser Eimer ist nun fast leer. Ja, was sollten wir zum Abschied Großes sagen? Oles Vater hatte natürlich wieder ein Gedicht: "Verzage nicht, du Häuflein klein ... " Den Rest hab' ich kaum gehört, denn Antje fing an zu brüllen, weil er die Gasmaske wie einen Kasper sprechen ließ. Mir fiel nichts Besseres ein, als allen „Hals- und Beinbruch" zu wünschen. So sagt man beim Theater. Allerdings wenn der Vorhang aufgeht. Nicht wenn er fällt.

Evelyn Hardey, geboren 1930, Autorin von Reiseberichten, Hörspielen und Büchern, erlebte das Kriegsende in Wilmersdorf. aus: " ... damals war ich fünfzehn ", Enssling & Laib/in Verlag, Reutlingen 1979



Berlin vor der Befreiung: 14. April 1945
Geknackte Schreibtische im Auswärtigen Amt

In letzter Zeit mehren sich die Fälle, in denen Schreibtische im Auswärtigen Amt erbrochen werden. Vor vierzehn Tagen konnte ich morgens meinen Schreibtisch nicht öffnen.´Ein Schlosser stellte fest, dass versucht worden war, an dem Schreibtisch mit einem Nachschlüssel zu manipulieren, der dabei abbrach. Ich nahm zunächst an, dass man die´in einem Schreibtisch gespeicherten Zigaretten stehlen wollte. Ich wurde jedoch belehrt, dass autorisierte Beauftragte der Gestapo nachts im Amt Schreibtische durchsuchten. Vor drei Tagen machte Hepp die gleiche Entdeckung. Auch er konnte seinen Schreibtisch nicht öffnen, weil der Nachschlüssel abgebrochen war. Vorgestern Abend wurden Gestapo-Leute beim Durchsuchen des Zimmers von Fräulein Dr. Haussmann ertappt. Zur Rede gestellt, behaupteten sie »Kassenschränke« auf ihre Sicherheit kontrollieren zu müssen. Weder in meinem Zimmer noch in dem von Hepp oder von Fräulein Dr. Haussmann befindet sich ein Kassenschrank! Angeblich soll auch festgestellt werden, ob Dokumente, die wegen der Luftgefahr in die Tresore eingeschlossen werden müssen, vorschriftswidrig in Schreibtische abgelegt werden. Ich habe an meinem Schreibtisch folgendes Schild anbringen lassen: »Schnüffler und Diebe werden gebeten, den Schreibtisch so zu öffnen, dass der Nachschlüssel nicht abbricht und das Schloss benutzbar bleibt.« Die Aufhebung des Briefgeheimnisses und das Abhören von Telefongesprächen gehören zu den Selbstverständlichkeiten dieser Zeit. Alle paar Tage kann ich im Zimmer des Abteilungsleiters den »Braunen Freund« studieren, den der Abhördienst aus überwachten Telefonaten zusammenstellt. Meist handelt es sich um die Registrierung von Lappalien.
Hans Georg von Studnitz, Als Berlin brannte, Gustav Lübbe Verlag GmbH, Bergisch Gladbach 1985. Hans Georg von Studnitz (1907-1993), rechtskonservativer Journalist, 1932-1940 Auslandskorrespondent u.a. in Rom, London, Neu Dehli und Kairo, 1940-45 Referent in der Presseabteilung des Auswärtigen Amtes, 1945 für 7 Monate inhaftiert, in den 50ern Pressechef der Lufthansa, Mitarbeit bei verschiedenen konservativen Zeitungen

 

 

Berlin vor der Befreiung: 13. April 1945
ln der Mitte zwischen Ost- und Westfront

Nun ist es soweit, dass Berlin genau in der Mitte zwischen Ostfront und Westfront liegt, äußerte der aus Flensburg gebürtige Oberregierungsrat Wulf mit trauriger Stimme. als wir uns heute auf dem Wilhelmplatz trafen. Er hat recht. Es sind neunzig Kilometer bis zu den Angelsachsen und neunzig Kilometer bis zu den Russen. Wenn es bisher hieß „Sowjets ante portas" so stehen jetzt also auch die Angelsachsen „ante portas". Die Westfront steht bei Stendal. Einer Stadt, die die meisten Berliner gut kennen. Offiziell wird immer noch vom Kampf für den Endsieg gesprochen. Aber niemand glaubt mehr an die Phrasen der Propaganda. Auch die aktiven Nazis nicht. Doch zwingt die terroristische Maschinerie der Diktatur, die die Nazis selber in Gang gesetzt haben, eben gerade auch diese Nazis dazu, mit dem furchtbaren Spiel der Lüge fortzufahren. Weder die Nähe der Ostfront noch die Nähe der Westfront bewirken eine eigentliche Panik unter der Zivilbevölkerung. Was die "äußeren" Feinde angeht, so sind die meisten Berliner apathisch und "stoisch". In Wirklichkeit fürchten sie nur den „inneren" Feind: die Nazimachthaber. Man weiß, dass der Bosheit dieser Machthaber und ihrer Werwölfe im Stadium der Verzweiflung keine Grenzen gesetzt sind. Man hat wohl Angst - aber man handelt nicht, es fehlt jede Kraft.
Jacob Kronika "Der Untergang Berlins", Verlagshaus Christian Wolff, Flensburg·Hamburg 1946. Jacob Kronika, dänischer Journalist (1897-1982), zwischen 1932 und 1945 Berlin-Korrespondent der dänischen Zeitungen „Nationaltidende" und „Dagens Nyheter" sowie der schwedischen „Svenska Dagb/adet". Im nationalsozialistischen Berlin spielte er außerdem eine besondere Rolle, weil er von offizieller Seite als Sprecher der dänischen Volksgruppe in Südschleswig anerkannt war. Kronika bewegte sich daher ständig zwischen dem Vorwurf der Kollaboration und des Widerstands.



Berlin vor der Befreiung: 12. April 1945
Die Lachsperren

Nun bin ich also zu Hause. Es war doch das einzig Richtige, dass ich gefahren bin. Jetzt stehen die Amerikaner in Thüringen schon westlich von Erfurt. Die Fahrt war furchtbar, nach 20 Stunden kam ich um 1/zJ hin der Nacht hier an. Die Züge waren überfüllt mit Flüchtlingen aus Thüringen, die haben furchtbare Sachen erzählt. In solcher Zeit sollen die Familien, wenn es geht, zusammenkommen. Leider ist Vati nicht bei uns, er ist als Soldat beim Schützengrabenbauen in Riesa. Hier ist der ganze Wald durchzogen mit Laufgräben und Panzerlöchern. Alles ist abgeholzt, alle Straßen haben Panzersperren, man kann kaum durch. Die Leute nennen sie Lachsperren. Die russischen Panzer werden bei der Einnahme Berlins 2 Stunden davorstehen und sich vor Lachen den Bauch halten, und sie dann innerhalb von 2 Min. überfahren. Überhaupt muss man sich wundern, wie offen und offensiv die Leute hier alle ihre Meinung sagen, und die ist größtenteils gegen die Nazis. Keiner hat mehr Angst beim Reden, trotz der Knute der Gestapo. Es wagt nämlich keiner mehr, den anderen anzuzeigen, weil sie denken, dafür später von den Amerikanern oder Russen aufgehängt zu werden.

Lieselotte G., zitiert nach I. Hamme/S.zur Nieden (Hrsg.), Sehr selten habe ich geweint, Schweizer Verlagshaus, 1992. Lieselotte G. (Jg. 1928), stammte aus Friedrichshagen, wvo sie auch das Ende des Krieges erlebte.

 


Berlin vor der Befreiung: 11. April 1945

Neue Taten

Am Abend rüstet unsere Clique zu neuen Taten. Projekt und Angriffsziel: unser alter Wasserturm. Ehemals diente er dem Bezirk als Wasserreservoir. Später machten ihn die Nazis zum Ehrenmal. Mit Hakenkreuz, Adler und Fahnen, mit rotbeschleiften Kränzen und hochtrabenden Inschriften. Für die Gefallenen der Bewegung. Die Nazikämpfer den Nazikämpfern! Englische Bomben sind auf den Turm gefallen. Haben Menschen erschlagen und Zerstörungen angerichtet. Aber die Fahnen blieben. Schon lange stachen uns diese Fahnen ins Auge. Todesstrafe steht auf Frevel gegen nazistische Hoheitssymbole. Grund genug, mit äußerster Vorsicht zu Werke zu gehen. “Am besten, wir warten auf Alarm", schlägt Fabian vor. „Wenn die Flieger brummen, sitzt alles im Keller: Der Alarm kommt pünktlich wie jede Nacht. Draußen ist es finster. So finster, dass man die Hand nicht vor Augen sieht. Unsere Schritte hallen über den Asphalt. Tatsächlich, nirgends ein Mensch auf der Straße. Nur hin und wieder hört man ein verstohlenes Husten hinter einer Kellertür, blitzt für Sekunden das Glutpünktchen einer Zigarette auf. Wie Katzen überklettern wir den hohen Drahtzaun, der in breitem Abstand den Wasserturm umgibt. Jetzt stehen wir unter der hohen Kuppel des Wasserturms. „Scheren raus!" kommandiert Frank. "In fünf Minuten müssen wir fertig sein." – „Ich komme nicht ran", tuschelt Heike verzagt. – „Ich auch nicht." Wie Federbälle hüpfen wir auf der Stelle. "Hat dich der Veitstanz gepackt?" Neben mir steht Wald. „Komm auf meine Schultern, rasch." Er faltet die Hände zum Steigbügel. Die Schere quietscht. Draußen summen die Flieger. Jetzt fällt die erste Fahne. Jetzt die zweite. Am anderen Ende der Halle arbeitet Heike, die Beine wie eine Reiterin um Fabians Hals geschlungen. Dritte Fahne - vierte Fahne - fünfte Fahne. Nur noch zwei Fahnen bleiben übrig.

Ruth-Andreas Friedrich(1901 - 1977), Journalistin, Mitglied einer Widerstandsgruppe, die untergetauchte Juden versteckte. Aus: "Der Schattenmann". Suhrkamp Verlag 1984 (Tagebuchaufzeichnungen von 1938 bis 1945).



Berlin vor der Befreiung: 10. April 1945
••• zum Halse raus!

14.30 Vollalarm. Großangriff von 1.300 Flugzeugen auf die nördlichen Randgebiete von Berlin. Mit unserem Mechaniker Max P. bin ich zum Luftschutzraum des Pergamon-Museums gegangen. Ein feiner Keller. 16.00 Entwarnung. 16.15 habe ich mir einen Kloben Holz in Papier eingeschlagen und mich nach Hause getrollt. Auf der U-Bahn ein toller Andrang. Die Verkehrskartenverordnung sollte morgen in Kraft treten, ist aber bis zum 19. d. M. verschoben worden. Aber wer weiß, was dann ist.- Nach dem Abendbrot um 18.00 zum Volkssturm. Ganze vier Männeken sind angetreten. ·Der Feldwebel kam, guckte und schickte uns dann wieder nach Hause. War von Herzen froh, denn mir hängt der ganze Zauber zum Halse raus. Zum Soldatspielen habe ich ebensoviel Lust wie ein toter Hund zum Scheißen. Meine Ruhe will ich haben! Damit basta! - Auf dem Heimweg gab es schon wieder Kleinalarm. Nach der Entwarnung mit Lydia einen Rundgang zu unserem Apotheker
gemacht, um für I. Nasentropfen zu besorgen. Überall vergebens.- Als wir zurückkamen, war Herr A. da. Wir haben uns über seine Radtour nach Preros unterhalten. - Von 21.50 bis 0.15 Alarm. Dauerangriff schneller Kampfflugzeuge auf Berlin. Es hat mehrmals tüchtig gekracht. Nach der Entwarnung Bodenkontrolle. Helmuts Braut E. brachte mir ein Päckchen gepressten Bohnenkaffee. Gepriesen seist Du, hochherzige Jungfrau! – Lydia hat mir gleich eine Tasse aufgebrüht. Ach, welch herrliches, belebendes Getränk. Ich danke Dir, Du liebes, gutes Menschenkind, und meinem Schöpfer, dass er Dich mir in den Weg geführt hat. Wenn ich irgendwie kann, werde ich Dir auch eine Freude bereiten. Mögest Du immer gesund und glücklich sein.
Hugo B. (1896-?), Uniformschneider aus Neukölln, zitiert nach: I. Hammer/S. zur Nieden (Hrsg.): "Sehr selten habe ich geweint". Zürich 1992

 


Berlin vor der Befreiung: 9. April 1945
Im Plan eine Nudelbrettoper

Bruinier? „als Soldat verkleidet“, wie er sagt, mit Sonderauftrag seines Hauptmanns in Berlin. Musste irgendwo irgendwas abliefern. Abgehetzt, elend, ungepflegt, aber innerlich beschwingt durch den Glauben an ein zukünftiges Leben, das nicht mehr zerstören, sondern aufbauen wird. Unser Leben, das wir jetzt schon lieben, dieses mühevoll in winzigen Figuren vorwärts rückende Leben. - Alle, die zu uns kommen, reden dasselbe: von neuen Filmen, von Theaterplänen, von einer Nudelbrettoper - wie Fried Walter sagt - einer modernen Kunsthochschule. Diese Augenblicke, in denen wir über solche Dinge sprechen, Luftschlösser bauen, die einzigen, die noch Wirklichkeit haben, - das sind die wesentlichen. In solchen
Augenblicken leben wir. Trotz Hunger, Angst, Kälte und dem sich immer enger um uns zusammenschließenden Netz.
August H. Bruinier, Leiter des gleichnamigen Quartetts, dem ich von 1927 bis 1937 angehörte. Karla Höcker, (1902-1992) bis 1937 Bratschistin beim Bruinier-Quartett, freie Schriftstellerin und Musikjournalistin, aus "
Die letzten und die ersten Tage", Verlag Bruno Hessling. Berlin 1966


Berlin vor der Befreiung: 8. April 1945
Sterben ohne Ende

So wenig es Hubert je gelegen hat, Soldat zu sein, so unheimlich hat ihn der Tod vor Berlin erschreckt. Mit überlegener List war er den tausend Tücken des Kommisses Jahre hindurch entgangen. Man brauchte keine Sorge zu haben, dass er ihm erliegen würde wie tausend andere. Diesmal hat ihn das furchtbare Erlebnis endgültig gefasst. Durch Volkssturmleute ohne Waffen und Fahnenjunker mit dem geistigen Training von Potsdam ist der vielfach überlegene Tod der Waffen ohne Gegenwehr wie ein Pflug zur Herbstzeit gefahren. Wiewohl niemand ihm wehren konnte - sie mussten stehen und mussten fallen. Die heute, die wenigen, die noch dahinter kommen, morgen, alle, alle, alle. Er weiß, dass in diesem System kein Ende ist, bis alle die blutige Sense niedergemäht hat. Die grausige Vision des Untergangs eines Volkes ist ihm dort, ein paar Kilometer vor Berlin gekommen.

Matthias Menzel aus:" Die Stadt ohne Tod", Carl Abel Verlagsbuchhandlung, Berlin 1946. Menzel ist das Pseudonym für Karl Beer (1909-1979). Beer war Redakteur der "Deutschen Allgemeinen Zeitung".



Berlin vor der Befreiung: 7. April 1945
Deutscher Frühling ]945

Berliner Erwartungen. Neueste Verordnung: Verkehrsmittel dürfen nur noch von und zur Arbeitsstätte benutzt werden. Das heißt, jeder private Verkehr innerhalb der Großstadt ist unterbunden, jeder in seinem Stadtviertel eingesperrt. Die Lage Deutschlands wird von Tag zu Tag prekärer. Jetzt zertrümmert die feindliche Luftwaffe Thüringen und den Harz. Auf Kosten dieses Raumes hatte Berlin bisher verhältnismäßig Ruhe. Aber der Ring um Berlin schließt sich immer enger. Wenn ganz Deutschland besetzt ist, bleibt nur noch Berlin zu verteidigen. Bis dahin kann noch Unvorhergesehenes eintreten. In Berlin haben sich Spannungen gehäuft, die zur Entladung drängen. Zunächst stehen furchtbare Bombenangriffe bevor, die es zu überleben gilt. Daneben wütet der Hunger. Kein Mensch wird mehr satt. Dieser so gequälten Stadt steht alsdann der Angriff der russischen Armee und vielleicht auch der Amerikaner bevor. Die Verteidigung Berlins wird jene umbringen, die von den Angriffen noch übrig sind. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Dazu kommt, dass eine hungrige, gequälte Bevölkerung böse und kampfbereit wird. Zuletzt wird noch die Bevölkerung gegenseitig auf sich losschlagen. Und mittlerweile werden sich die Amerikaner und die Russen begegnen und möglicherweise Meinungsverschiedenheiten austragen. Das alles soll eine Bevölkerung ertragen, die bereits neun zehntel totgemartert ist. Ich hoffe auf das Unvorhersehbare, Plötzliche.

Marta Mierendorff, Quelle: www.berliner=zeitung.de/archiv
Marta Mierendorff (1911-2002) sie lernte Verkäuferin und arbeitete als Stenotypistin. 1932 besuchte sie die Marxistische Arbeiterschule und lernte den 15 Jahre älteren Gottfried Solomon kennen. Sie schlossen 1939 eine so genannte Untergrundehe, die 7952 nachträglich legalisiert wurde. 1943 wurden Salomon lind seine Mutter nach Theresienstadt deportiert, 194-1 wurde er in Auschwitz ermordet. Mit ihrer Mutter zog Marta 7943 nach Wriezen. Im Februar 1945 kehrte sie nach Berlin zurück. Nach Kriegsende war sie Mitgründerin des Berliner "Instituts für Kunstsoziologie". 1966 siedelte sie in die USA über.



Berlin vor der Befreiung: 6. April 1945

ln die Nacht geflüchtet und verkrochen


Seltsame Fügung, so als ob alles von langer Hand vorbereitet gewesen wäre und auf einmal sich ganz von selbst realisierte, ohne daß man einen Finger zu rühren brauchte. Das Ministerium genehmigte den Film "Leuchtkugeln", die Ufa schloß mit mir einen Vertrag ab. Ich machte dem Oberst den Vorschlag, mich für diese Arbeit nach hierher (Mittenwalde, ein  Ort in Bayern, JK) zu kommandieren. Er drängte mich auf eine beschleunigte Abreise. Am Karfreitag, nachdem in überstürzter Hast die Sachen, die wir mitnehmen wollten (schwierige Auswahl!) gepackt worden waren, machten wir uns auf den Weg nach Rosslau, von wo ein Lkw direkt nach hier fahren sollte, in derselben Nacht fuhren wir auf die Straße hinaus. Vorn, zu viert im zugigen Führerhaus. Über die Elbe auf einer Pontonbrücke, neben den Ruinen der zerstörten Straßenbrücke. Das endlose, einförmige Band der Reichsautobahn. Kälte, Wind, Halbschlaf, der immer wieder aufgestört wurde, Kontrollen. Das zerstörte Dessau im grauen Mondlicht. Hinter uns eine unangenehme Last: Panzerfaust und Sprengmunition. Regenschauer, Verdämmern, Aufwachen: Erinnerung an ähnliche Fahrten in Rußland, wo wir uns zur Nacht in irgendwelchen Häusern verkrochen. Gegen Morgen, bei Tagesanbruch, Rast im einer kleinen thüringischen Stadt, der Fahrer, ein ungemein zuverlässiger Obergefreiter, hat seine Frau aus dem Schlaf geweckt. Wir trinken Kaffee und wärmen uns...

Horst Lange, "Tagebücher aus dem Zweiten Weltkrieg", hrsg. von Hans Dieter Schäfer, v. Hase und Koehler Verlag Mainz 1979. Horst Lange (1904- 1971), Schriftsteller. Bekanntestes Werk: „Auf den Hügeln vor Moskau", das Carl Zuckmayer als beste deutsche Prosadichtung aus dem letzten Krieg bewertete.



Berlin vor der Befreiung: 5. April 1945
Wer wird hier eher sein?


Seitdem die Amerikaner und Engländer über den Rhein sind, rollen ihre Panzer. Auf allen steht das magische Wort: Berlin. Die Russen halten noch immer längs der Oder an den Positionen, die sie schon vor Wochen erreicht haben. Berlin hat die sowjetische Artillerie auf hundert Kilometer gegenüber. Dorthin blicken wir. Wir hören von Breslau, das sich noch immer wehrt, von Königsberg und Danzig und Posen, die Stück um Stück weiter eingeengt und pulverisiert werden. Es gibt nur noch eine Frage: Wer wird eher hier sein? Der Westen oder der Osten? Alles andere, was geschieht, erschütternd genug geschieht, geht durch uns hindurch, hinterlässt kaum eine Spur des Begreifens. Wien ist gefallen. Herrgott, was für eine Vorstellung: die Rote Armee in Wien, in der Hauptstadt der Habsburger Welt der Jahrhunderte. Wir haben keine Muße mehr, historisch zu erschauern. Und wer es tut, spricht zu verwirrten oder erhärteten Ohren. Ostpreußen, Westpreußen, Schlesien, Pommern, Rhein, Weser und sogar Elbe - das. alles nicht mehr deutsche Truppen, sondern Russen, Amerikaner, Engländer. Die Sintflut braust heran: nicht von einer Seite - von allen schiebt sie sich vor, schließt der Ring um uns enger und enger. Eine fiebrig kranke Hoffnung, vom Wilhelmplatz hochgepeitscht, geistert umher: sie verstünden sich nicht mehr, die Gegner, und ehe der Wellenschlag von Morgenland und Abendland sich berührten, bräche ihr Bündnis auseinander. Berlin ist die Mausefalle geworden.

Matthias Menzel, Die Stadt ohne Tod, Carl Habel Verlagsbuchhandlung, Berlin 1946, Matthias Menzel ist das Pseudonym für Karl Willy Beer (1909-1979), Beer war politischer Redakteur der "Deutschen Allgemeinen Zeitung". 1946 Auseinandersetzungen um seine Tagebücher, weil der Autor "den ganzen Krieg über" den "Reich-Artikeln von Goebbels Konkurrenz gemacht" habe (Tagesspiegel vom 10.8.1946). Mitherausgeber der Dokumentation "Unser Kampf in Frankreich vorn 5.6. bis 25.6. 1941" (1941 )



Berlin vor der Befreiung: 4. April 1945
Kaffeeküche eröffnet

Früh schrecke ich aus dem Bett. Schon wieder Alarm. Der Strom wird abgeschaltet. Also wieder mal kein Frühstück und voraussichtlich auch kein Mittagessen. Um Trost zu holen, gehe ich zu Heike hinüber. Ihr Zimmer ist schwarz von Qualm. Vom Balkon tönt emsiges Rumoren und Töpfeklappern. "Hast du eine Rußfabrik eröffnet?" erkundige ich mich interessiert. Sie steckt ihr kohlenverschmiertes Gesicht zur Tür herein. "Nein", lacht sie strahlend, "nur eine Kaffeeküche für Mißgelaunte. Selfmade!" Ich betrachte bewundernd ihre Handarbeit. Fünfunddreißig Ziegelsteine, geschickt zu einer offenen Feuerstelle geschichtet. Zwei Eisenstangen als Rost, darauf unser Wasserkessel. Vorläufig verfeuere ich meine Liebesbriefe", erläutert Heike. "Qualmen zwar ein bißchen, heizen aber großartig." Der Kaffee ist heiß und schmeckt nach Räucherwaren.
Ruth Andreas-Friedrich, "Der Schattenmann". Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1984 und "Schauplatz Berlin", Suhrkamp 1984
Ruth Andreas-Friedrich, (1901-1977), Journalistin, Mitglied einer Widerstandsgruppe



Berlin vor der Befreiung: 3. April 1945
Alles wird pervertiert

Das Ostergeschenk der Nazis an das deutsche Volk besteht in der Errichtung der Werwolf-Bewegung. Der zur Bestie gewordene Mensch hat die Fratze, die Triebe und Gelüste des Raubtiers angenommen: Symbol und Ideal des Hitlerismus! Der Werwolf zeigt nicht mehr und nicht weniger als das wirk Iiehe Gesicht des Nationalsozialismus. Es kann nicht
wundernehmen, daß der Werwolf im Rundfunk das Freiheitslied "Freiheit, die ich meine" zu seinem Symbol erhebt. Es ist ja nur typisch für die Nazis, menschliche Ideale in ihr Gegenteil zu verkehren. Alles wird pervertiert. "Haß ist unser Gebet, Rache ist unsere Parole", so lautet die erste Rundfunkverkündigung der Werwölfe in den Osteriagen. Jeder Engländer, jeder Amerikaner und jeder Russe auf deutschem Boden wurde für vogelfrei erklärt.

Jacob Kronika, "Der Untergang Berlins", Verlagshaus Christian Wolff, Flensburg/Hamburg 1946
Jacob Kronika, dänischer Journalist (1897-1982), zwischen 1932 und 1945 Her/in-Korrespondent der dänischen Zeitungen „Nationaltidende" und „Dagens Nyheter" sowie der schwedischen „ Svenska Dagbladet".



Berlin vor der Befreiung: 2. April 1945
Aus dem Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht

Osten:
Heeresgruppe Süd: Scharfes Nachdrängen des Feindes zwischen Drau und Raab. Druck auf den Raum beiderseits Wien-Neustadt und Abdrängen der eigenen Kräfte von der Leitha. Nördlich der Donau stieß der Gegner bis zur Grenzschutzstellung vor.
Heeresgruppe Mitte: Südostwärts Ratibor sehr starke Angriffe, aber doch nicht bis zu den
Olsa- und Oder-Brücken. Auch sonst erfolgreiche Abwehr.
Heeresgruppe Weichsel: Nichts Besonderes.
Heeresgruppe Nord: Weiter Druck gegen die 1. Armee, dabei weiterer Geländeverlust in mehreren Abschnitten. In Ostpreußen die gleiche Lage.
Heeresgruppe Kurland: Weiterer Großangriff gegen 16. Armee; deshalb Zurückgehen auf die Burgstellung.
12 Abschüsse, 2 Verluste.
Westen – Reich
Von Süden 500 Bomber gegen Graz, St.Pölten, Marburg. Im Westen wegen des Wetters nur geringe Tätigkeit.
17 Abschüsse, 37 Verluste
Südosten
Bei Sarajewo geringere Tätigkeit, im Osten Besetzen der neuen Linie, Südostwärts Zenica zäher Widerstand des Feindes. Bei Bihac gleiche Lage.........



Berlin vor der Befreiung: 1. April 1945
Riesenstreit im Keller

Es gab einen Riesenstreit im Keller. Oles Vater hat mit Antje rumgeschäkert und sie zum Lachen gebracht. Da fing Frau Koser wieder an, ihre Greuelgeschichten zu erzählen. Was wohl die Russen mit dem kleinen Kind machen werden und so weiter. Oles Vater sagte, sie
solle in unserer Lage nicht noch die Angst schüren. "Das sind auch Männer, die den Befehl zu kämpfen ausführen, und sie haben sicher auch kleine Kinder in ihrer Heimat", sagte er. Aber sie ließ nicht locker, und die anderen machten mit: "Man weiß doch, was die Horden
der Bolschewiki alles gemacht haben: Dörfer abgebrannt, Frauen vergewaltigt, Gefangene totgeschossen und Kinder ermordet!" Der alte Wichmann sagte: "Im Ersten Weltkrieg hat sich kein deutscher Soldat ähnliches zuschulden kommen lassen!" Daraufhin wurde Oles Vater so saumäßig zornig, wie ich ihn noch nie gesehen habe. Er schrie rum wie ein Wahnsinniger und erzählte Abscheulichkeiten, die unsere kämpfenden Truppen in den besiegten Ländern begangen haben sollen – so schlimm, daß sie wirklich fast nicht zu glauben sind. Und über Greueltaten, die in den Arbeitslagern vorkommen sollen, hat er auch berichtet. Also, da kann einen das kalte Grausen packen. Sie haben Ole und seinen Vater aus dem Keller rausgeschmissen und gesagt, er könne das alles nur vom Abhören feindlicher Sender haben und er sei sowieso ein fieser Ausländer, den man hätte einsperren sollen.
Evelyn Hardey, "... damals war ich fünfzehn“, Ensling-Verlag.  Evelyn Hardey, geboren 1930, erlebte das Kriegsende in Wilmersdorf


 

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