Presseerklärung: Posse um Zwangsarbeiterlager in Wilhelmsaue 40 geht weiter

26.11.2019 10:01

Die Posse geht weiter!

Mehrheit der Gedenktafelkommission hält Stellungnahme der Leiterin des Dokumentationszentrums NS-Zwangsarbeit in Berlin zum Zwangsarbeiterlager Wilhelmsaue 40 für irrelevant

Seit mehreren Jahren wird in Charlottenburg-Wilmersdorf darüber diskutiert, ob am Haus Wilhelmsaue 40 eine Gedenktafel zur Erinnerung an die dort im Zweiten Weltkrieg untergebrachten Zwangsarbeiter angebracht wird. Der Historiker Dr. Michael Roeder hatte seinerzeit drei Dokumente gefunden, die belegen, dass an dieser Stelle Zwangsarbeiter verschiedener Nationen untergebracht waren. Was das Lager besonders macht: Es handelte sich um ein Lager in der Regie des damaligen Bezirksamts Wilmersdorf. Dies belegen mehrere Dokumente. Eines davon befindet sich im Archiv des Heimatmuseums Charlottenburg-Wilmersdorf. Es ist eine Anweisung des nationalsozialistischen Bezirksbürgermeisters vom 30. April 1944 zum „Einsatz von Ausländern des städtischen Ausländerlagers für Arbeitsleistungen im Verwaltungsinteresse“ an die „Herren Dienststellenleiter“ des Bezirksamts Wilmersdorf: „Ich behalte mir den Arbeitseinsatz der Ausländer selbst vor.“

Zweifel an Ort und Charakter des Lagers als ein Lager des Bezirksamts wurden seit fast fünf Jahren vor allem von SPD und CDU vorgebracht,  z. B. mit dem abwegigen Hinweis, eine Hausnummer 40 habe es in der Wilhelmsaue nie gegeben und daher sei die Liste des Gesundheitsamtes Wilmersdorf vom 2. Dezember 1942, das unter dieser Adresse ein Lager des Bezirksamts Wilmersdorf aufführte, falsch. Anfang Dezember 2017 brachte wegen Untätigkeit von offizieller Seite die Berliner Geschichtswerkstatt am Gebäude Wilhelmsaue 40 eine provisorische Gedenktafel an. Das Verfahren schleppte sich zwei Jahre lang weiter durch den Kulturausschuss und die Gedenktafelkommission der BVV Charlottenburg-Wilmersdorf. Auf Nachfrage der Vorsitzenden der Gedenktafelkommission, Annegret Hansen, SPD-Fraktion, antwortete nun Christine Glauning, die Leiterin des Dokumentationszentrums NS-Zwangsarbeit in Berlin, mit einem ausführlichen Schreiben vom 12. September 2019 zur Quellenlage. Wörtlich führt Frau Glauning als Fazit aus:

„Wir können also feststellen, dass sich in der Wilhelmsaue 40 (Grundstück 39/41) ein Zwangsarbeitslager befand, über das der Bezirk nach eigenem Ermessen verfügte. Dies rechtfertigt unserer Meinung nach eine Benennung des Ortes als Ort der NS-Zwangsarbeit, für den der Bezirk Verantwortung trug.“

In der Sitzung der Gedenktafelkommission am 14. November 2019 äußerte nun Frau Christiane Timper, die Vertreterin der SPD-Fraktion, die Stellungnahme von Frau Glauning sei irrelevant, da sie nicht selbst geforscht habe. Die Vertreter der FDP und AfD stießen in dasselbe Horn. Ein so hanebüschenes Argument einer SPD-Kommunalpolitikerin ist erstaunlich und es ist kaum vorstellbar, dass dies die Haltung einer SPD-Fraktion in allen möglichen Parlamenten widerspiegelt.

Die Belege sind für alle Experten in Sachen Zwangsarbeit in Berlin ausreichend und sogar weitaus besser als an anderen belegten Standorten der Zwangsarbeit. Das Geschachere um diese Tafel ist unwürdig und wirft ein fragwürdiges Licht auf Handlungsfähigkeit und Haltung der BVV Charlottenburg-Wilmersdorf angesichts zunehmender Bedrohungen durch rechtspopulistische Kräfte in unserem Land.

Beim Text für eine Tafel sollte sich der Bezirk an dem Text der provisorischen Tafel orientieren. Dieser Text lautet:

 „An dieser Stelle betrieb das Bezirksamt Wilmersdorf im Zweiten Weltkrieg

ein Lager für Zwangsarbeiter.  

 

Es gab in Berlin circa 3000 Lager von staatlichen Betrieben und privaten Unternehmen, öffentlichen Stellen, auch Kirchen und anderen Institutionen, in denen etwa 500.000 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter untergebracht waren.

 

In Wilmersdorf befand sich mehr als ein Dutzend Lager.

Ohne Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter

wäre es dem nationalsozialistischen Staat

nicht möglich gewesen, diesen Krieg zu führen.

 

Berlin-Wilmersdorf, im Dezember 2017“

 

 

Weitere Auskünfte: Jürgen Karwelat, Berliner Geschichtswerkstatt e.V.

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