François Cavanna gestorben

02.02.2014 12:25

In Paris ist der Karikaturist und Schriftsteller François Cavanna im Alter von 90 Jahren gestorben. Er war 1943 als Zwangsarbeiter nach Deutschland verschleppt worden. Sein autobiografischer Roman „Les Russkoffs“ zählt zu den packendsten Schilderungen des nationalsozialistischen Berlins.

François Cavanna wurde 1923 als Sohn eines italienischen Arbeitsmigranten im französischen Nogent-sur-Marne geboren. Er arbeitete in Paris bei der Post, bis er 1943 im Rahmen des Service du Travail Obligatoire nach Berlin verschleppt wurde. In Berlin-Treptow leistete er Zwangsarbeit bei der Rüstungsfirma Ehrich und Graetz, aber auch bei der Enttrümmerung nach Bombenangriffen. Nach der Rückkehr 1945 wurde er in Frankreich bekannt als Journalist, Karikaturist und Schriftsteller, u. a. mit den Satiremagazinen Hara-Kiri und Charlie Hebdo.

1979 veröffentlichte er den autobiographischen Roman „Les Russkoffs“ (deutsch: „Das Lied der Baba“), in dem er spannend und humorvoll über seine Jugendzeit als Zwangsarbeiter und über seine Liebe zu einer sowjetischen Zwangsarbeiterin in Berlin schreibt. Auch in „Maria“ und weiteren Romanen verarbeitete er seine lebensgeschichtlichen Erfahrungen. Am 29. Januar 2014 verstarb François Cavanna im Alter von 90 Jahren.

Über die nationalsozialistische Reichshauptstadt schrieb François Cavanna: „Zu jener Zeit war Berlin mit Holzbaracken nur so überzogen. In jeder noch so kleinen Lücke der Riesenstadt hatten sich Fluchten brauner, teerpappegedeckter Fichtenholzquader eingenistet. Groß-Berlin, das heißt Berlin mit seinen Außenbezirken, bildet ein einziges Lager, ein meilenweites Lager, das sich zwischen den festen Bauten, den Denkmälern, den Bürohäusern, den Bahnhöfen, den Fabriken hinkrümelt.“

Als das Zwangsarbeiterlager im heutigen Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit Schöneweide – das letzte noch erhaltene Barackenlager Berlins – 1993 „entdeckt“ wurde, inspirierte dieser Roman die Berliner Geschichtswerkstatt zu weiteren Spurensuchen zur Zwangsarbeit in Berlin.

Auszüge aus Cavannas Roman sind zu hören in der 2013 erarbeiteten Smartphone-Anwendung „Zwangsarbeit. Die Zeitzeugen-App der Berliner Geschichtswerkstatt“. François Cavanna und andere Zeitzeugen begleiten den Nutzer u. a. auf der S-Bahn-Tour „Durch die Stadt der Lager“. Das Do-kumentationszentrum NS-Zwangsarbeit Berlin-Schöneweide zeigt Ausschnitte aus einem 2012 geführten Interview mit François Cavanna in seiner Dauerausstellung.

http://www.berliner-geschichtswerkstatt.de/app


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