Presseerklärung: Kein Abriss - Erinnerung an Annedore und Julius Leber in der Torgauer Straße in Schöneberg bewahren

04.07.2012 21:28

Berliner Geschichtswerkstatt spricht sich gegen den geplanten Abriss der ehemaligen Kohlenhandlung der Familie Leber aus - Erinnerung an Annedore und Julius Leber in der Torgauer Straße in Schöneberg bewahren

 

Noch steht es, das Häuschen am Rande der „Roten Insel“. Dort, auf dem Kohlenplatz der Firma „Bruno Mayer Nachf.“  in der Torgauer Straße, im Schatten des Schöneberger Gasometers, ging in den Jahren 1937 und 1944 der ehemalige sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Julius Leber seiner Arbeit nach. Als Kohlenhändler bestritt er nach Freilassung aus Gefängnis- und KZ-Haft  damit seine berufliche Existenz. Der Betrieb diente  aber auch als Tarnung seiner gut vernetzten konspirativen Tätigkeit im Widerstand gegen Hitler. Am 5. Juli 1944 – also heute vor genau 68 Jahren – wurde er dort in der Torgauer Straße verhaftet - knapp zwei Wochen vor Stauffenbergs Attentat vom 20. Juli. Am 5. Januar 1945 wurde er in Plötzensee hingerichtet.

Nicht ohne Grund heißt die Straße, die auf das Gebäude zuläuft, „Leberstraße“.

Nach dem 2. Weltkrieg betrieb Ehefrau Annedore die Kohlenhandlung weiter und führte dort auch ihren „Mosaik Verlag“, der Schriften über den Widerstand gegen den Nationalsozialismus heraus brachte. Jetzt steht das Gebäude leer und  soll als Teilstück der sog. „Schöneberger Schleife“, einem Grünzug zwischen Torgauer Straße und Ringbahn, weichen.

Um den historischen Ort des Widerstandes zu würdigen, beschloss der Bezirk Tempelhof-Schöneberg auf Initiative der Grünen bereits im Jahre 2009 ein „Zeichen der Erinnerung“ zu schaffen, „das ausgehend von der Authentizität des Ortes vor allem historische Aufklärung unterstützt und eine kommunikative Möglichkeit der Auseinandersetzung“ mit dem Thema des Widerstand vor Ort schafft. Von diesem erinnerungspolitischen Ansatz ist in dem im Frühjahr 2012  ausgelobten Wettbewerb („Kunst am Bau“)  für ein künstlerisches „Denkzeichen“ kaum etwas übrig geblieben. Mit der Begründung zu hoher Folgekosten und einer vorrangigen Sicherstellung der Funktionsfähigkeit des neuen Grünzugs ist von Seiten des bezirklichen Stadtplanungsamtes der komplette Abriss des Gebäudes vorgesehen. Kompetente Einwände, die aus den Reihen der Fachpreisrichter und Sachverständigen des laufenden Kunstwettbewerbes dagegen erhoben wurden, fanden auf Seiten der Verwaltung weder Gehör noch Aufnahme ins Protokoll. Darüber hinaus wurden drei fachliche Stellungnahmen von einschlägigen Fachhistorikern, u.a. auch aus der Berliner Geschichtswerkstatt, weder den Künstlern, noch den anderen Beteiligten des Wettbewerbes zur Kenntnisnahme weitergeleitet.

Die Berliner Geschichtswerkstatt hat sich seit Anfang der 80er Jahre mit Ausstellungen, Publikationen und Rundgängen zur Aufgabe gemacht, die Stadtteilgeschichte der „Roten Insel“ zu erforschen und die Erinnerung an den Widerstand des Kohlenhändlers Julius Leber im Bewusstsein der Berliner Öffentlichkeit lebendig zu halten.

Wir appellieren an die politisch Verantwortlichen im Bezirk, dafür Sorge zu tragen, dass

 

  1. bei der Räumung des Gewerbegebiets in der Torgauer Straße die authentische Bausubstanz der ehemaligen Kohlenhandlung von Julius und Annedore Leber geschützt und die „steinernen Zeugen“ bei der Gestaltung  des künstlerischen Denkzeichens angemessen gewürdigt werden.. Es gibt nur noch wenige Orte in Berlin, an denen sich die Alltagsgeschichte des zivilen Widerstandes im Nationalsozialismus so anschaulich und eindrücklich vermitteln lässt.
  2.  eine konzeptionelle Einbindung des künstlerischen Denkzeichens in die neue Grünzuggestaltung, das lokale Umfeld (Herstellung einer Verbindung zu dem gegenüberliegenden Spielplatz an der Leberstraße, Hinweis auf gleichnamige Brücke, S-Bahnstation), und die Schöneberger NS-Gedenkstättenlandschaft an der Naumann- und Papestraße (Geschichtsparcour, Schwerbelastungskörper, SA-Gefängnis) erfolgt.
  3. der überbezirklichen Bedeutung des Gedenkortes durch Einbindung der Gedenkstätte Deutscher Widerstand  Rechnung getragen wird. Die Mittel für den Künstlerwettbewerb sind daher aus zusätzlichen Mitteln des Berliner Senats aufzustocken.

 

 

 

Kontakt: Gisela Wenzel (Tel. 7849039) und Jürgen Karwelat (8927289 und 185294543)

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