Meris Erzählung

Die Familie, um 1980
Die Familie, um 1980

Die Eltern

Ich bin die jüngste von vier Geschwistern und wurde 1971 in Westberlin geboren. Mein Vater kam 1969 aus dem Kosovo nach Berlin, meine Mutter ein Jahr später. Aus wirtschaftlichen Gründen, im Zuge der Anwerbung für Migranten aus Südost-Europa. Mein Vater arbeitete bei Mercedes-Benz als Maschinenbau-Schlosser, meine Mutter in Fabriken. Das war ziemlich unklassisch, da die meisten Frauen hierher kamen, um eine Familie zu gründen und Kinder zu hüten. Meine Mutter ist eine sehr moderne, weltoffene Frau, hat Mini-Röcke und kurze Haare getragen und hatte Freundinnen aus allen Kulturkreisen.

Meine Eltern glaubten, hier zwei oder drei Jahre zu arbeiten, ein bisschen Geld zu sparen und dann im Kosovo eine andere wirtschaftliche Existenz zu gründen. Sie wurden von den Deutschen auch so behandelt, dass ihr Leben hier etwas Vorübergehendes ist. Die Kinder ließen sie bei den Großeltern. Als sie feststellten, dass das mit der Wirtschaftlichkeit nicht wie gedacht funktioniert, holten sie die Kinder.

Von Westberlin in den Kosovo, vom Kosovo zurück nach Westberlin

Als Kleinkind wurde ich in den Kosovo geschickt, zu meinen Großeltern und meiner Tante. Das sind sehr prägende, schöne Jahre gewesen, auf dem Land in einem Tal, umringt von Bergen mit Schneezipfeln. Ich war sehr gut in der Schule und hatte viele Freundinnen. Mit acht Jahren kam ich dann wieder nach Berlin. Das war nicht gut; ich habe sehr darunter gelitten, aus meinem Leben im Kosovo herausgerissen zu werden. Ich konnte kein Wort Deutsch. Das war in Deutschland auch kein Thema: Deutschkurse für die Menschen, die mit ihren Kindern hier her gekommen sind, um zu arbeiten. Aber es ging noch, weil ich im multikulturellen Schönberg lebte und es viele Kinder in der Schule mit dem gleichen Schicksal gab.

Der Kampf um Bildung

Dann zogen meine Eltern in das neue Märkisches Viertel. Für mich war das ein größerer Kulturschock als nach Deutschland zu kommen – damals gab es dort nur zwei Prozent Ausländer, und ich kam in eine rein deutsche Klasse. Zwar lernte ich sehr schnell Deutsch, aber trotzdem war ich gegenüber den deutschen Kindern immer benachteiligt. So wurde ich auf die Hauptschule geschickt. Dort gab es dann aber Lehrer, die mich viel zu intelligent dafür fanden. Das machte mich selbstbewusst und ich schaffte alle Abschlüsse bis zum Hochschulabschluss. Ich integrierte mich und fühlte mich zu Hause. Ich sehe aber auch viele Frauen meiner Generation, die mit ihren Eltern nach Deutschland kamen und in Bezirken mit großen Communities ihrer Herkunft aufwuchsen - sie sind in Deutschland nie angekommen.

Ausbildung, Beruf und Engagement

Ich studierte an der Humboldt-Universität Interkulturelle Fachkommunikation mit dem Schwerpunkt Spanisch. Zurzeit arbeite ich in der Migrations- und Flüchtlingsarbeit am Zentrum für Flüchtlingshilfe und Migrationsdienste (ZFM). Während der Jugoslawienkriege, als Studentin, habe ich sehr gelitten, ich fand die Kriege unerträglich. So begann ich mich ehrenamtlich zu engagieren für die Leute, die hier her fliehen, ich fühlte mich emotional dazu verpflichtet. Jetzt arbeite ich meistens als Projektleitern oder Mitarbeiterin in Projekten, die immer das Thema Migration und Flucht beinhalten. Medienpädagogik ist mein Schwerpunkt. Mir macht das Spaß. Ich genieße es, dass ich die künstlerischen und kulturellen Aspekte mit der sozialen Arbeit verknüpfe.

Religion

Ich bin moderat religiös erzogen. Es gab eine Phase in meiner Pubertät, in der ich mich muslimisch empfand. Es war auch Abgrenzung, Suche nach Identität und eines Selbstbewusstseins auch als Nichtdeutsche. Ich war ja die Jahre davor damit beschäftigt, deutsch zu sein. Und akzeptiert zu werden. Habe mich aber als Mädchen null an die Regeln gehalten. Heute lehne ich Religionen, vor allem die muslimische, total ab. Ich bin Atheistin, ein Vernunftmensch.

Der Zweite Weltkrieg

Meine Großväter waren Partisanen und kämpften gegen die Deutschen, in dieser Zeit waren sie auch kurzzeitig gemeinsam im Gefängnis. Dort ist ihre Freundschaft entstanden. Insgesamt scheint diese Zeit für meine Familie aber nicht so prägend gewesen zu sein, sie waren mit den Verfolgungen durch die Serben beschäftigt.

Das Leben in Berlin

Ich fühle mich in Berlin total zu Hause, meine Kinder sind hier geboren. Im Kosovo habe ich mich längst entwurzelt, ich bin sehr selten dort. Weil ich auch emotional einen Aufwand empfinde.

Reflektierende intelligente Menschen sollten nicht nationalfühlend sein. Ich kann den kosovarischen Frauen nur empfehlen, sich davon zu emanzipieren und weltoffener zu werden. Die Frauen versperren sich mit Nationalismus ganz viel und stehen sich im Weg. Den Deutschen möchte ich dasselbe empfehlen.