Kosovo

Kosovo

Nach dem Zerfall des Osmanischen Reichs schaffen die europäischen Großmächte, darunter Deutschland, einen albanischen Staat und schlagen das Kosovo Serbien und Montenegro zu; anschließend gehört das Kosovo zum ersten jugoslawischen Staat. Immer wieder kommt es im Kosovo zu Aufständen gegen die fortgesetzte Diskriminierung der albanischen Bevölkerung.

Zweiter Weltkrieg 1941-1944

Unter italienischer (1941-43) und deutscher Besatzung (1943-44) wird Kosovo mit „Großalbanien“ vereint. Die Nationalsozialisten erklären die Albaner/innen als höherwertig gegenüber der slawischen (serbischen) „Rasse“. Eine albanische Zivilverwaltung wird eingerichtet, albanische Schulen eröffnet. Viele Albaner/innen betrachten die Deutschen als Verbündete in ihrem Kampf gegen Besetzung und Diskriminierung durch Serbien und kollaborieren mit den nationalsozialistischen Besatzern gegen die jugoslawisch-kommunistischen Partisanen und die serbisch-nationalistischen Tschetniks. Einige Albaner/innen schließen sich aber auch der neuen Kommunistischen Partei an.

Im März 1944 stellen die Deutschen die 21. Gebirgs-Division „Skanderbeg“ der Waffen-SS auf, in der bis zu 9.000 Albaner im Kosovo im Einsatz sind. Unter Führung des Antisemiten Bedri Peja(ni) richten sich die Aktionen der Einheit besonders gegen Juden und Jüdinnen, Serb/innen und Roma. Die Division ist auch für Kriegsverbrechen an serbischen Zivilist/innen und für die Deportation der Juden und Jüdinnen aus dem Kosovo in die Konzentrationslager verantwortlich.

Ende 1944: Die Deutschen ziehen sich zurück; Kosovo wird von der jugoslawischen Armee unter Josip Broz Tito eingenommen.

Nach dem Zweitem Weltkrieg

Im föderalen Jugoslawien unter Tito wird Kosovo gegen erheblichen Widerstand in die Republik Serbien integriert, mit serbischer Dominanz an allen staatlichen und gesellschaftlichen Schaltstellen. Unter dem vor allem von Innenminister Rankovic ausgeübten Druck wandern zwischen 1950 und 1960 mehr als 200.000 Albaner/innen in die Türkei aus. 1968 trifft die BRD mit Jugoslawien ein Anwerbeabkommen für jugoslawische Arbeitskräfte („Gastarbeiter“). Tausende Jugoslawen, zumeist Männer, und darunter etliche Kosovaren, kommen nach Deutschland, viele holen im Lauf der Zeit ihre Familien nach. 1973 verfügt Deutschland einen allgemeinen Anwerbestopp für Gastarbeiter. 1980 sind rund 14% der Ausländer/innen in Deutschland jugoslawische Staatsangehörige, darunter eine unbekannte Zahl von Albaner/innen. Bis heute stellen die Geldüberweisungen der ausgewanderten Albaner/innen eine wesentliche Einkommensquelle für die Region dar.

Seit Ende der 1960er Jahre gewinnen die Republiken und Provinzen Jugoslawien mehr kulturelle Eigenständigkeit. 1970 wird eine albanischsprachige Universität in Prishtina gegründet. Die neue Verfassung von 1974 macht Kosovo zur Autonomen Provinz innerhalb der serbischen Republik. Die Albaner/innen dominieren nun die Gesellschaft, albanisch wird zur zweiten Amts- und Unterrichtssprache.

Im Mai 1980 stirbt mit Tito die zentrale, die Bevölkerungsgruppen in Jugoslawien noch verbindende Kraft.

1980er und 1990er Jahre

Titos Tod befördert die politische Krise innerhalb Jugoslawiens. Das jugoslawische Modell der Arbeiterselbstverwaltung scheitert ökonomisch; die schwere Wirtschafts- und Schuldenkrise der 1980er Jahre delegitimiert das politische System. Die Verteilungskämpfe zwischen den sechs jugoslawischen Republiken werden schärfer; Orientierungslosigkeit, Unsicherheit und Ängste nehmen zu. Damit einher gehen zwei politische Strömungen in Jugoslawien: (1) Liberalisierung von Wirtschaft und Politik, v.a. von Politikern in Slowenien vertreten, sowie (2) Rezentralisierung und Stärkung des Bundesstaates, hauptsächlich von Politikern in Serbien vertreten.

Kosovo war von Beginn an die wirtschaftlich rückständigste Region innerhalb Jugoslawiens. Auch die kosovo-albanische Führung seit 1974 änderte nichts an der wirtschaftlichen Misere. Nun wächst die Arbeitslosigkeit, der Lebensstandard sinkt, Armut verbreitet sich. 1990 schafft die serbische Regierung unter Slobodan Milosevic den Autonomiestatus des Kosovo wieder ab – unter Rückgriff auf den Mythos der Schlacht vom Amselfeld (1389). Die Albaner/innen werden systematisch diskriminiert; alle für staatliche Institutionen und Betriebe arbeitenden Albaner/innen werden entlassen, albanische Schüler/innen und Studierende vom öffentlichen Bildungssystem ausgeschlossen. Als Reaktion bauen die Albaner/innen parallele Verwaltungs- und Bildungsstrukturen auf; so finden Universitätsvorlesungen heimlich in Privathäusern statt.

Der Kosovo-Krieg 1999

Im Juli 1990 erklärt sich Kosovo als unabhängig. Im September stimmt die albanische Bevölkerung in einem Referendum dafür; Ibrahim Rugovas LDK baut – mit finanzieller Unterstützung der Albaner/innen in der Diaspora – einen „Schattenstaat“ auf. Die internationale Gemeinschaft unterstützt diesen gewaltlosen Aufbau eines unabhängigen Kosovo nicht.

Die Folgen sind eine wachsende Unzufriedenheit in der albanischen Bevölkerung. Nachdem Kosovo im Daytoner Abkommen von 1995 ignoriert wird, gründet sich 1996 die UÇK (Ushtria Çlirimtare e Kosovës - Kosovo-Befreiungsarmee), die sich durch die Unruhen des Jahres 1997 in Albanien bewaffnen kann. Seit März 1998 geht Serbien mit Sonderpolizei und Armee gegen Aufständische und Zivilist/innen vor – der Konflikt eskaliert zum Krieg. Die kosovarische Zivilbevölkerung wird Opfer systematischer Überfälle, Vertreibungen und Massenmorde.

Nach dem Scheitern aller internationalen Vermittlungsbemühungen beginnt die NATO (ohne UN-Mandat) am 24. März 1999 mit Luftangriffen gegen serbische militärische Einrichtungen, Infrastruktur und Industrieanlagen; auch Zivilist/innen werden dabei getötet. Im Zuge einer „ethnischen Säuberung“ des Kosovos vertreibt die Regierung Milosevic nun Hunderttausende von Albaner/innen; Armee, Polizei und Paramilitärs begehen in vielen Orten Massaker.

Nach wochenlangen Bombardierungen stimmt Belgrad am 3. Juni 1999 den Forderungen des Westens zu. Kosovo wird von NATO-Truppen (der sogenannten KFOR) besetzt und in ein UN-Protektorat umgewandelt (UN-Resolution 1244 vom 10.6.1999). Im Schatten des NATO-Einmarschs werden viele Serb/innen und Roma vertrieben oder getötet; auch angeblich kollaborierende Albaner/innen werden getötet.

Die Unabhängigkeit des Kosovo

2004 entlädt sich die Unzufriedenheit mit der stagnierenden Nachkriegsentwicklung im UN-Protektorat: Radikale albanische Gruppen greifen serbische Kosovar/innen und Roma an; mindestens 19 Menschen sterben, über 1.000 werden verletzt, Häuser, orthodoxe Kirchen und Klöster zerstört. Um solche radikalen Kräfte zu besänftigen, verhandelt die internationale Gemeinschaft nun den Status des Kosovo neu: als eine „bedingte Unabhängigkeit“ unter Aufsicht der internationalen Gemeinschaft („Ahtisaari-Plan“ von 2007).

2008 kommt es zur Unabhängigkeitserklärung, die von Ländern wie Deutschland und den USA unterstützt wird. Die neue kosovarische demokratische Verfassung vom 15. Juni 2008 basiert dann im Wesentlichen auf dem „Ahtisaari-Plan“.

2012

Bis heute ist die Anerkennung der Unabhängigkeit des Kosovo in der internationalen Politik umstritten. Zwar erkennen mittlerweile knapp 100 Staaten, darunter die Mehrheit der EU-Staaten, die Unabhängigkeit des Kosovo an. Serbien, Russland und China allerdings verweigern sie.

Nach wie vor kann Kosovo wirtschaftlich allein nicht existieren, sondern ist von Zuwendungen von Geberländern, insbesondere der EU, abhängig. Das Kosovo gilt als eines der ärmsten Länder Europas. Die serbisch-kosovarische Mehrheitsbevölkerung im Norden des Landes verweigert die Anerkennung der Unabhängigkeit und konnte bislang nicht integriert werden. UN und EU sind weiterhin im Land engagiert, für die Kosovar/innen gilt innerhalb der EU immer noch Visumszwang.

Als langfristiges Ziel hat die EU für das Kosovo eine Integrationsstrategie definiert, danach bildet die Zusammenarbeit zwischen Serbien und Kosovo eine Vorbedingung für die EU-Integration.

Seit Ende der 1980er Jahre haben rund 400.000 Albaner/innen das Kosovo dauerhaft verlassen. Die Bevölkerung heute wird auf ca. 2,13 Millionen Menschen geschätzt, davon sind über 80% Albaner/innen und 7% Serb/innen. Weitere kleine Minderheiten bilden u.a. Türk/innen und Roma. In Deutschland leben heute zwischen 200.000 und 300.000 Kosovo-Albaner/innen, ca. 20.000 davon in Berlin (> Erzählungen von Adelina B., Iliriana M., Maria J., Meri B., Rreze A., Shpresa K., Zana B.).