Ilirianas Erzählung

Ilirianas Berlin-Bild
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Mit 15 nach Berlin gekommen

Ich wurde in einem Dorf des Kosovo Anfang 1970 geboren. Ich wuchs dort bei meiner Großmutter auf. Mein Vater kam 1968 als Gastarbeiter nach Berlin, meine Mutter folgte ihm 1982. Ich lebe in Berlin seit 1985.

1998 heiratete ich einen deutschen Mann, welcher als Jurist tätig ist. Meine Töchter sind 16 und 13 Jahre alt. Beide besuchen das Gymnasium. Es sind wunderbare und vorbildliche Kinder.

Die deutsche Sprache lernte ich in der Schule und auch durch unermüdliche Selbstinitiative. Ich schaffte es nach sehr kurzer Zeit, in die reguläre Klasse versetzt zu werden.

Berufsweg

Ich machte eine Ausbildung zur medizinischen Fachangestellten und arbeitete dann in einer Arztpraxis und parallel als freiberufliche Dolmetscherin bei verschiedenen Gerichten und Justizbehörden. Danach war ich Mitarbeiterin der Projektleitung in einem medizinischen Projekt an einer großen Klinik in Berlin. Im Jahre 2004 zog ich aus familiären Gründen in eine Kleinstadt um, wo ich bis heute mit meiner Familie wohne. Seit 2009 arbeite ich als Studien-Dokumentatorin in Berlin.

In der deutschen Gesellschaft integriert

Ich bin vollkommen in der deutschen Gesellschaft integriert und habe keinerlei Schwierigkeiten, sowohl im sprachlichen, geschichtlichen als auch im gesellschaftlichen Bereich des Lebens.

Die Sehnsucht nach heimatlicher Nähe kann ich durch meinen sehr guten albanischen Freundeskreis kompensieren. Als ein Produkt dieses Kreises gründeten wir den Verein „Hareja“. Im Rahmen dieses Kreises organisierten wir verschieden Treffen wie z.B. literarische Stunden und andere literarische Abende.

Der Krieg im Kosovo 1999

Der Krieg im Kosovo war eine sehr unsichere Situation. Oft wussten wir nicht, ob unsere Familienangehörigen noch leben, ob sie noch zu Hause sind oder schon geflohen. Ein Onkel von mir hat im Krieg gekämpft, wurde verhaftet und kam ins Gefängnis. Während der Nato-Luftangriffe wurde er verwundet und ist dann an den Verletzungen gestorben. Wir waren sehr entsetzt.

Verhältnis zur albanischen Kultur

Ich war bis zum Kosovokrieg acht Jahre lang nicht dort gewesen: aufgrund des Krieges, der Geburten, die Kinder waren noch so klein, und aus anderen Gründen. Und ich hatte acht Jahre lang kein einziges Wort auf Albanisch geschrieben. Das war eine völlige Abspaltung von der albanischen Kultur, Kunst und sogar Sprache. Nachdem ich wieder zu mir kam, waren die Kinder schon einigermaßen groß und in ihrer Persönlichkeit einigermaßen stabilisiert. So begann ich, mich über das Internet wieder mit albanischen Medien und Kultur auseinanderzusetzen, und wieder mein albanisches Bewusstsein zu reaktivieren. Seitdem habe ich damit nicht mehr aufgehört.

Die Unabhängigkeit

Die Unabhängigkeit des Kosovo haben wir mehr oder weniger erwartet. Das ist jetzt ein anderes Gefühl, wenn man dorthin fährt, und keinen Druck von Polizeikräften spürt. Ein unbeschreibliches Gefühl.

Zufrieden bin ich aber nicht mit der dortigen Entwicklung, es reicht mir eine Woche dort, um mir die Realität einzugestehen. Das Gesundheitswesen z.B. ist auf einem Null-Level. Ohne Geld wird man dich nicht versorgen, ohne Geld bist du dort niemand. Und Hochzeiten werden heute mit Ausgaben von über 20.000 Euro veranstaltet, um anderen zu zeigen, wer man ist.

Der deutsche Staat – heute und damals

Der deutsche Staat hat einen großen Beitrag für das kosovarische Volk geleistet. Nicht nur für Kosovo, sondern für das albanische Volk allgemein. Wir müssten den Deutschen seit Jahrzehnten danken für ihre Freundschaft.

Mein Großvater, der den Zweiten Weltkrieg als junger Mensch miterlebte, hat erzählt, dass die Deutschen, während sie im Kosovo waren, gute Freunde der Albaner waren. Es gab keinen deutschen Terror dem albanischen Volk gegenüber, außer denen gegenüber, die sich als Partisanen deklariert haben. Seitdem herrscht eine Sympathie für das deutsche Volk.

Albanerinnen in Berlin

Die albanische, die kosovarische Frau in Berlin ist entweder ganz oben oder ganz unten: Entweder gibt es Frauen, die es vorziehen, vor dem Herd zu stehen und dem Ehemann und Vater zu dienen, oder solche, die ihren Blick nach vorn richten, sich bilden und in die Gesellschaft eingliedern, ohne ihre Wurzeln zu vergessen.