Adelinas Erzählung

Der Fluchtweg, 1993
Der Fluchtweg, 1993

Kindheit

Ich wurde 1988 in Prishtina im Kosovo geboren und studiere Jura mit Schwerpunkt Völkerrecht. Ich habe einen älteren und einen jüngeren Bruder. Wir hatten ein Haus in Prishtina, meine Mutter studierte zu der Zeit. Mein Vater musste die Uni unterbrechen, da er für die Familie sorgen wollte. Er hat einen ganz guten Beruf bekommen. Wir wohnten an einer Spielstraße, es waren immer Kinder da. Wenn ich an die Zeit denke, löst das vor allem positive Gefühle aus. Ich erinnere mich gern an die Familie, an das gute Essen, an das Wetter. Und die Stimmung in der Stadt.

Der Weg nach Berlin

Als ich 1993 nach Deutschland kam, war mein Vater schon hier. Er ist vorgegangen, um zu schauen, ob es für uns eine Basis gibt zum Leben, eine Schwester meines Vaters war schon hier mit ihrer Familie. Wir sind mehr oder weniger hier steckengeblieben. Die Idee war ja immer, ein bisschen Geld zu verdienen und zurückzugehen, sobald sich die Lage im Kosovo beruhigt hat.

Meine Mutter, mein großer Bruder und ich (mein kleiner Bruder war noch nicht geboren) brauchten mehr als eine Woche, um hierher zu kommen. Angst hatte ich während der Flucht nie. Wir fuhren in einer Gruppe in einem Reisebus los, mussten mehrmals in andere Transporter umsteigen und übernachteten in sehr einfachen Unterkünften. Bezahlte Schleuser führten uns. Auf deutscher Seite an der Grenze zu Tschechien wurden wir dann erwischt. Nachdem wir mit der Gruppe die halbe Nacht durch den Schnee gelaufen sind, im Dezember. Es war eisig kalt. Und es waren unmenschliche Behandlungen seitens der deutschen Polizei. Die Deutschen schoben uns dann ab nach Tschechien. Dort, nach einem Gefängnisaufenthalt, standen wir irgendwann an einer Straße am Waldrand. Meine Mutter hat ein Taxi gesehen - links und rechts hörten wir die Polizei -, hat uns quasi in das Taxi „geworfen“ und dem Taxifahrer Geld hingehalten. So kamen wir zu einem Rasthof und riefen meinen Vater an. Er holte uns und fuhr mit uns nach Berlin.

Adelinas Duldung, 1993Leben in Berlin

In Berlin war es schön. Wir kamen auf eine Schule, wo nicht so viele Ausländer waren und wir nicht andauernd albanisch sprechen mussten; wir konnten uns wirklich integrieren. Wir hatten innerhalb kurzer Zeit die wichtigsten Sachen gelernt und konnten uns ausdrücken.
Wir lebten in einem Wohnheim. Dort wollten wir nicht bleiben; um auszuziehen, brauchten wir Geld. So fing mein Vater an zu arbeiten, illegal. Später zogen wir erst in ein Hotel, dann in eine Wohnung. Alles zunächst illegal. Mit der Zeit fand auch meine Mutter Arbeit.
Ich war nie großartig in albanischen Kreisen unterwegs, ich wuchs sehr international auf. Aber ich spreche albanisch, das war meinen Eltern wichtig.

Bezüge zum Kosovo

Ich fühle mich auch in Prishtina zu Hause, allerdings nicht hundertprozentig. An Veranstaltungen zum Kosovo nehme ich manchmal teil, aber mehr wegen meiner Mutter, sie ist sehr aktiv. Mein Vater lebt seit einigen Jahren im Kosovo. Er hatte sich nie so richtig wohl gefühlt hier.

Vorurteile einem Mädchen gegenüber

Als Mädchen wurde ich von deutscher und albanischer Seite aus mit Vorurteilen konfrontiert. Von deutscher Seite aus hieß es z.B.: „Wie, du darfst raus? Unglaublich.“ Genauso von albanischer Seite: „Du darfst raus???“ Beide Seiten denken das Gleiche. Dadurch wurde es mir unmöglich gemacht, mich hundertprozentig irgendwo wohl zu fühlen. Ich sehe mich als Berlinerin, aber ich sehe mich nicht als Deutsche; genauso wenig sehe ich mich als Kosovarin.

Der Zweite Weltkrieg

Ich weiß, dass der Onkel meiner Mutter einen Wachposten bekommen hat und später auch als Wachmann mit nach Deutschland kam; er arbeitete für die Nationalsozialisten. Aber ansonsten war meine Familie meines Wissens nicht z.B. an Deportationen von Juden oder anderen Verbrechen beteiligt.

Religion

Ich bin keine Muslimin, also von der Familie her nicht. Aber ich glaube an Gott, wenn ich mal bete, dann benutze ich das albanische Wort für Gott. Meine Eltern sind Atheisten.

Berufswünsche

Ich würde später gern über die Arbeit reisen können. Ich könnte mir auch vorstellen im Bundestag zu arbeiten, oder bei der UNO.